Die Gewandelte 5 (1)

Der Klimawandel ist das größte Problem, das wir haben. Sagt meine Frau und klingt wie eine Schuhverkäuferin. Ich will ja auch kein größeres. Ich bin zufrieden mit dem Klimawandel. Eine Lösung weiß ich nicht und ins Schwitzen bringt mich das Problem auch. Ich finds nur nicht mein größtes, sage ich. Was ist denn dein größtes? fragt sie. Du bist das, sage ich. Oder genauer: unsere Ehe. Da hebt auf einmal – aber das glaubt mir keiner – das Klima persönlich an und spricht zu mir Folgendes:

Ich bin das Klima, dein Problem. Du sollst keine anderen Probleme haben neben mir. Du brauchst auch keine anderen. Ich bin alles Schwierige in einem. Darum bin ich auch deine Frau. Mit wem bist du auf Gedeih und Verderb liiert? Mit wem teilst du dein Haus und dein Leben? … Ja doch, du hast kein Haus. Deine Mietwohnung halt. Ein Leben wirst du ja vielleicht noch haben. Sei nicht spitzfindig, wenn es ums Große und Ganze geht. … Wer trägt dich? Wer erträgt deine Launen, ja, sogar deine toxischen Absonderungen, so lange sie irgendwie noch erträglich sind? Wer bereitet dein Haus … lass mich in Ruhe mit deiner Mietwohnung! … wer bereitet das gemeinsame Haus zu einem Treibhaus, in dem Mensch, Tier und Pflanze gedeihen? Denn der Treibhauseffekt ist ursprünglich ein natürlicher, ja, der Grund dafür, dass es auf dem Planeten Ehe Leben gibt.

Ich bins, sagt das Klima, alias meine Frau. All das bin ich. Und irgendwann hast du bemerkt: Ich verändere mich. Ich bin nicht mehr so brav, so planbar, so angepasst, wie du es von mir erwartetest. Es kam zu Extremereignissen zwischen mir und dir. Du lechzestest nach einem kühlen Tropfen, da ich meine Sonne auf dich herniederbrennen ließ. Du wurdest nass wie ein Paddel, da dich meine Wasser überfluteten. Du fragtest dich: Warum ist sie auf einmal so anders zu mir? Ist das ein natürlicher Vorgang, oder ist er Menschen gemacht? Dreimal darfst du raten, und welcher Mensch die Ursache davon ist, verrate ich dir auch. Mal ehrlich: Im Grunde hast du an meiner Veränderung erst gemerkt, dass ich noch da bin. Ich war so selbstverständlich gut zu dir, dass du mich einfach vergessen hast. Du bist in den Süden gefahren, hast anderen Klimata schöne Augen gemacht. Und über mich hast du dich nur beschwert. Angeblich hätten deine Vorfahren mich dir ausgesucht. Du hättest eine Wärmere genommen, wärest du bloß gefragt worden. Aber ich kann auch heißer, wie du jetzt weißt. Du pfeifst aus der letzten Bronchie, die noch arbeitet, lässt die Rollläden knallen, hockst im Finstern. Und denkst nostalgisch an unseren Sex bei Wind und Regen, mit Gänsehautgarantie. Hast du dich jemals gefragt, warum die weltweit größte Expertin für mich ein schwedischer Teenager ist? Ich wollte als Teenager eine Schwedin sein und bin ständig da hingefahren. Na, macht es klick?

Und jetzt verrate ich dir mal, warum ich dich wollte. Mich rettet nur einer mit Ideen, mit Einfällen. So einer bist du, dachte ich. Beziehungsweise musst du jetzt werden, denke ich. Ich will von dir zu jedem Geburtstag einen Strauß neue Windrädchen! Ich will statt in deinem SUV auf deiner Lenkstange mitfahren. Ich will tote Flugzeuge zum Frühstück, einen plastikfreien Ozean zu Mittag und Abendessen will ich im Speisesaal unseres Genossenschaftshauses mit Solardach! Und deine destruktiven Emissionen kannst du stecken lassen, die erlaube ich dir einfach nicht mehr. Sonst sitzt du ganz schnell mit Elon Musk im Raumschiff und darfst dir eine Neue suchen zum Vergiften.

Jetzt ist es raus 5 (1)

Das neue. Mein achtes.

Hier erfährst du mehr.

Hier gehst du den aktuell direktesten Weg zu meinem Buch. Oder hier: bestellung-service@pop-verlag.com. Schreib den Buchtitel und deine Adresse in eine Mail. Dann kommt das Glück zu dir nach Hause. Oder du gehst in einen Buchladen.

Persönliche Bitte: Kauf nicht(s) bei amazon; amazon tötet die Kultur in allen ihren Formen.

Unabhängige Verlage kämpfen mit dem Buchrücken zur Lagerwand. Jedes Buch, das es aus dem Lager schafft, rettet ein Glück, das wir nirgendwoanders finden.

Der Salatgeflüchtete 5 (1)

Bei meinem Sohn liegen die Zahnhälse blank. Und bei mir die Nerven, weil: Der Zahnarzt traut sich nicht, meinem Sohn die Ursache für Zahnfleischschwund zu verraten. Mir glaubt der Sohn eh nichts. Also wer sagt es ihm? Ich habe Kolumbus gebeten. Der kennt sich aus. Und den Namen könnte mein Sohn schon mal gehört haben.

Junge, hör mir gut zu. Falls ich etwas undeutlich spreche – ich habe keinen einzelnen Zahn mehr. Womit wir schon beim Thema sind: Zahnfleischschwund. Ich hatte ihn. Und ich kenne seine Ursache: Vitaminmangel. Okay, wir haben noch „Salatmangel“ gesagt. Und kriegten davon die „Seemannskrankheit“. Ihr sagt Skorbut. Aber wir haben die Krankheit erfunden – vielleicht das Einzige, was wir gefunden haben. Du sagst Amerika? Du nennst uns Entdecker und Eroberer? Dann hör mir mal gut zu, du Antigrünschnabel.

In Wahrheit wollten wir damals drei Dinge: lange aufbleiben, kein Tageslicht und keinen Salat. Wir waren jung, du verstehst. Salat war der Hauptfeind, weil: Er schmeckt einfach nicht. Wir wollten dahin, wo Salat nicht wächst. Also fuhren wir zur See. Was allerdings fünftausend Jahre lang bedeutet hatte: Du fährst an den Küsten entlang. Irgendwann kommt der nächste Hafen, da legst du an – und hast wieder den Salat. Und noch was Viertes, was wir nicht mochten: Frauen. Gegen die hatten wir quasi die Ableitung einer Abneigung: Frauen sind gegen langes Aufbleiben. Frauen lassen Tageslicht in dein Zimmer. Und Frauen bereiten Salate zu. Häfen waren also gefährliche Orte für uns, dort lebten Frauen. Auf unseren Schiffen dagegen nur Jungs. Jahrhunderte lang hatten wir Seeleute den Ruf, die schlimmsten Pickupper und Flachleger zu sein – alles Quatsch. Die Frauen haben auf uns gewartet, weil sie uns die drei Sachen beibringen konnten. Den anderen Männern hatten sie es ja schon.

Irgendwann war es genug. Wir sind auf den Atlantik ausgewichen. Da gabs keine Häfen und somit endgültig keinen Salat mehr. Es war das Paradies für richtige Jungs. Du bist runter in deine Kajüte, der Rollladen vor dem Bullauge war immer unten (rund war der – hätte sich gar nicht aufwickeln lassen) und keiner ist gekommen, bis du alle Kills gemacht hattest, die du wolltest in jener Nacht oder an jenem Tag, den Unterschied gabs nicht mehr. Kartoffelchips waren noch nicht erfunden – Problem! Zu denen fehlte noch eine Zutat. Aber russische Eier geht auch („Ei des Kolumbus“) oder altes Brot, und wenn das alle ist: Zwieback. Wir wussten natürlich: Die Zutat muss schleunigst gefunden werden. Ohne Kartoffelchips geht jedes Paradies zum Teufel.

Leider kam dann der unglückselige Tag – und an ihm dieses Land in Sicht. Ich spreche seinen Namen nicht aus, mir ist schon schlecht, wenn ich an die Optik zurückdenke: Strand, Steine und oben drauf – ganz viel Salat. Die Völker, die wir kennenlernen mussten, waren aufs Engste mit dem Salat und jeglichem Grünzeug verbunden, was ehrlich gesagt so den Hass in uns erzeugt hat, dass wir sie später ausgerottet haben. Wenigstens eine braune Sache erhielten wir von ihnen: die Kartoffel. Trotzdem. Sieh dich doch mal um auf der Welt. Was hat unsere damalige Salatflucht im welthistorischen Sinne gebracht? Imperialismus, Globalisierung, Völkermord, Sklavenhandel, die Börse (unsere Expeditionen waren die ersten Risikoanlagen), Rassismus, Spanisch als zweite Fremdsprache (als ob Deutsch nicht schon fies genug wär) … sag mir, wann ich aufhören soll. Ach ja – und Zahnausfall. Mir hats den gebracht.

In fünfhundert Jahren, glaub mir, hast du Zeit für so manchen selbstkritischen Gedanken. Dein Vater hat schon den Richtigen beauftragt. Ich sage es dir im Guten, mein Junge: Iss Salat. Geh schlafen, wenn du müde bist. Und zieh, wenn du aufstehst, den Rollladen hoch. Und eine Frau ist überhaupt das Beste. Mach es nicht wie wir damals. Am Ende hast du keine Zähne mehr, aber irgendwas entdeckt und damit fünfhundert Jahre Elend über die Menschheit gebracht.

Hölderlin und die Frühromantik 0 (0)

© Ewart Reder

Sendetipp von Radio X, Ffm:

Mittwoch, 2. Juni von 15 – 16 Uhr

WortWellen

Noch einmal ist Hölderlin zu Gast bei den WortWellen. Wir dokumentieren eine Veranstaltung der Frankfurter Hölderlinwoche im September 2020, –  die ein Monument des VeranstalterInnenmuts vor der dritten C19-Welle war, Hoffnungszeichen für einen wiedereinsetzenden Herzschlag der öffentlichen Kultur. Professor Luigi Reitani, Universität Udine, fragt nach frühromantischen Beziehungen des Solitärs Hölderlin. Wer das für ein akademisches Thema von gestern hält, dem hält Tim Leberecht in der Süddeutschen Zeitung vom 14. September 2015 Folgendes entgegen: “Die total technisierte Gesellschaft braucht Romantik. Mit Algorithmen und Apps wollen wir unser Leben verbessern. Doch dieser Optimierungswahn entzaubert unsere Welt.” Es sei denn, wir erleben folgendes Kunststück: Ein Gelehrter, der unsere Sprache wie blank geputztes Tafelsilber benutzt, rückverzaubert uns mithilfe des Verstandes.

Livestream des Senders: www.radiox.de/live

Die Nachmittagsfrau 0 (0)

Sendetipp von Radio X, Ffm:

Mittwoch, 5. Mai, 15 – 16 Uhr

WortWellen

Heute kriegt unsere Sendung Besuch von einer etwas merkwürdigen Frau. „Die Nachmittagsfrau“ nennt sie sich, behauptet, die Redaktion zu kennen. Darum dürfe sie im Radio sprechen und genau das hat sie heute vor. Wir sind schon etwas nervös. Aber wir lassen uns drauf ein. Schließlich sind wir eine innovative Literatursendung, da darf so was mal passieren. Seid mit dabei – dann sind wir nicht so allein mit dem Unerhörten! Entfernte Ähnlichkeit hat „die Nachmittagsfrau“ übrigens mit der Bamberger Schauspielerin Rebekka Herl (s. Foto), die im Sommer – Corona willing – ein tolles Stück mit auf Tournee nimmt: Emmas Glück. Näheres erfahrt ihr hier: https://theatersommer.de/programm/schauspielundkomoedie/emmas-glueck

Livestream des Senders: radiox.de/live

Die Exbesessenen 5 (1)

Ich habe mir heute Handschuhe bestellt. Zum 1. M a i  –  das muss man sich mal vorstellen. Aber ich habe keine mehr. Warum nicht? Sag ich nicht. Ist mir peinlich. Frag meine letzten Exhandschuhe, die wissen alles über das Thema:

Der Mann kauft sich uns, wie andere Wildschweinfutter kaufen. Dann ab ins Freie und uns irgendwo liegen lassen. Wer zwei Hemden hat, gebe dem, der keines hat. Auf Handschuhe angewendet hast du mit der Devise nie Handschuhe. Es ist aber noch schlimmer: Er verliert uns immer beide. Das liegt an dem, wozu er uns benutzt: für den Arsch. Er sagt sich: So kalt, dass ich Handschuhe brauche, ist es heute nicht. Dann packt er uns trotzdem in den Rucksack und auf der ersten Bank, wo er sich ausruhen muss, findet er es plötzlich kalt. Und zwar für den Arsch. Er legt uns nebeneinander auf die Bank und setzt sich auf uns drauf. Das gefällt ihm. Na ja, wir sind eben kuschelig. Und er hat nicht mehr die Eier und den Harntrakt wie ein Junger. So weit verstehen wir ihn. Außerdem findet er es entspannend, dass er in der Position immer weiß, was zu tun ist, nämlich: denken, dass er die Handschuhe nicht vergessen darf. Das hält er im Vergleich zu seinen hochkomplexen Gedanken, auf deren Komplexität er nur selten Bock hat, für leicht. „Fokussierend“ nennt er es, an uns zu denken und an den Moment, in dem er aufstehen und uns nicht auf der Parkbank zurücklassen wird. Wie er jedes Mal wieder glaubt . . .

Wenn wir dazwischen mal was Positives sagen dürfen: Wir haben immer eine tolle Aussicht, sobald er weg ist. Die Parkbänke, die der Mann findet, sind es wert, wie er mal sagte, an sie und an den Ausblick von ihnen zu denken und zu wissen: Da liegen jetzt Handschuhe von mir. Denkste: lagen mal. Er hat schon manchen Weg wieder zurück gemacht zu einer Bank, auf der er unsereinen (beziehungsweise -zwei) hat liegen lassen, und erfahren müssen: Wir sind nachtragend, und nicht etwa, wie er es gerne hätte: dass wir uns ihm hinterhertragen würden. Sondern es macht was mit uns, vergessen zu werden. Es verletzt. Wir denken dann: Finderfreude ist treuer als Käuferstolz. Und gehen mit jedem mit, der uns findet, auch wenn das grundsätzlich fremde Männer sind. Okay, auf Händen zu stecken fühlt sich am Anfang seltsam an, in aller Öffentlichkeit, statt unter einem Gesäß verborgen zu ruhen. Aber er wollte es ja nicht anders.

Ich weiß, dass er sich manchmal vorgestellt hat, wir würden seinen Hintern in Wahrheit zärtlich anfassen. So hat er uns immer hingelegt: die Daumen nach innen. Wie manche Frauenhände das beim Akt eben so schön machen. Ich persönlich glaube, es war dieser unterkomplexe Gedanke, der ihn regelmäßig hat vergessen lassen, dass er uns nicht vergessen darf. Euphorisiert wird er gewesen sein, da ist er immer gefährdet. Das lässt ihn augenblicklich an das Gute im Leben glauben, zu dem Kälte oder der Verlust wertvoller Gegenstände nicht mehr recht passen wollen.

Moment mal, hast du grad „ich“ gesagt? Wir sind doch „wir“.

Na ja. Ich vermisse ihn halt. Irgendwo.

Na ich doch auch.

Joy’s Overdrive 1 (1)

 

 

Eine Polka zu Hitlers Todestag
Warnhinweis: Nur laut und betrunken hören! (Aber was sind wir an dem Tag …?)
Bild und Musik: Ewart Reder

Dazu ein Witz:
Sagt ein Jude zu Hitler: Mein Führer, ich verrrate Ihnen ein Geheimnis: Sie werden an einem jüdischen Feiertag sterben. Schnäuzelt der Führer: Woher willst du das wissen? Ganz einfach: Egal, an welchem Kalendertag Sie sterben, es wird von da an ein jüdischer Feiertag sein.

P.S.: Wer an der Aufnahmequalität rummäkelt, muss den Titel drei Mal abschreiben.