Der Wahlversager 0 (0)

Die Bundestagswahl ist geschafft. Alle Kanäle quellen von Siegerbildsequenzen über. Die Auswahl an Koalitionen ist Schwindel erregend im doppelten Wortsinn. Beim Zappen treffe ich den Wähler mutterseelenallein vor einer Kamera. Er soll zum Wahlausgang Stellung nehmen. Er nimmt sie:

Der heutige Wahlabend ist ein schwarzer Abend für mich. Also dunkel – nicht schwarz in dem Sinne. Meine Niederlage gilt es unumwunden einzugestehen. Das gebietet die Demut. Ich habe die Wahl verloren, gar keine Frage.

Sechzehn Jahre des Werbens um meine Einsicht waren umsonst. Ich habe die Bundesregierung nicht verstanden. Und das, obwohl Mutti extra langsam mit mir gesprochen und ihr Ablöser sie an Gedankentempo noch untertroffen hat. In der Folge bin ich hoffnungs- und führerlos dem Treiben unbekannter Mächte ausgeliefert. Es ist wie das Ende des Schwarzweiß-Fernsehens, an das ich mich noch traumatisch erinnere: Lauter bunte Farben brechen über das Land herein, paaren sich am hellen Tage miteinander. Als hätte es ein 1957 mit absoluter Mehrheit für die CDU/CSU nie gegeben.

Ich habe halt keine Ahnung von Politik. Und das hat die CDU/CSU unnachsichtig bestraft mit dem Rückzug von ihrer Macht über mich. Zwar redet sie mir noch gut zu, behauptet, am Brunnen vor dem Tore da stehe ein Lindner und träume für mich einen süßen Traum von Jamaica. Aber den verdiene ich nicht. Ich habe einen glasklaren Regierungsauftrag erteilt, und zwar an die Geldwäscherei Scholz & Warburg in Hamburg, Zweigstelle Berlin. Wer so was macht, hat das Vertrauen der CDU auf Jahrzehnte verspielt und keinerlei Anspruch mehr auf ein Bankkonto bei irgendeiner Deutschen Bank.

Auch das Lob dafür, dass ich die Linke halbiert habe, verdiene ich nicht. Denn meine linken Leihstimmen für SPD und Grüne haben der CDU erst den Todesstoß versetzt. Und das Allerperfideste an mir bei meiner Leihstimmenkampagne war: Die erwartbare Politik einer neuen Rotgrün geführten Bundesregierung (mit Hepatitis L) wird den Stimmenanteil der Linken bei der nächsten Bundestagswahl verfünffachen! Abgesehen davon, dass die Linke ab sofort vier Jahre lang die Oppositionsrolle alleine spielen darf, ohne von einer anderen Partei darin gestört zu werden.

Fazit: Ein Wähler, der sich derart gravierende Wahlschnitzer erlaubt, hat das Recht auf die politische Mitwirkung der Parteien an seinem Wahlzirkus verwirkt und wird zu vier Jahren politischer Untätigkeit verurteilt.

An den Bundespräsidenten 0 (0)

Alfred Statler verabschiedet sich präsidentiell vom schlechten Gewissen.

In unserer Familie ist es Tradition, die Weihnachtsansprachen anzuschauen. Normalerweise bleibt bei mir absolut nichts hängen. Bei meiner Mutter, die meist das gemeinsame Anschauen der Aufzeichnung durchsetzt, geht es wohl auch eher um das Zusammensein und die weihnachtliche Stimmung und nicht um die Inhalte, insofern hat sie wahrscheinlich die Reden besser verstanden als die, die versuchen, aus den Worten irgendwelche Informationen zu gewinnen.

Dieses Jahr war es allerdings alles etwas anders. Ich erwische mich immer wieder dabei, dass ich über die Rede nachdenke und ich stelle mir immer wieder eine Frage:

Darf ich das auch?

Ich hatte bislang nämlich etwas schlechtes Gewissen, weil ich, obwohl es der TÜV angemahnt hat, die Bremsen an meinem Auto nicht gewechselt habe, dann habe ich auch noch die Sommerreifen drauf. Aber jetzt denke ich, nicht so schlimm.

Wenn ich beispielsweise im Schnee ins Rutschen geraten sollte und dann einigermaßen wuchtig die Kurve verfehle, durch ein paar parkende Autos durchknalle und ein Stück hinter dem Gartenzaun im Rosenbeet von Frau Maier lande, könnte ich dann locker aus dem Auto aussteigen und staatsmännisch erklären:

„Liebe Bürgerinnen und Bürger, was führ eine Fahrt! Dieser Unfall hat uns daran erinnert, wie zerbrechlich das ist, was wir ‚Abendruhe‘ nennen.“

Mein Nachbar Krause würde sich von dieser Weisheit erst nicht beruhigen lassen. Tränen würden ihm in die Augen steigen, wenn er den Schaden an seinem geliebten Auto sähe. „Sie Schwein“, würde er rufen und mich übel beschimpfen, sofort würde aber seine Frau versuchen, ihn zu beruhigen. „Alfred“ würde sie sagen, „beruhige dich“.

Das wäre mein Einsatz, ich ginge zu den beiden hin, nähme sie in den Arm und erklärte:

„Wir haben lange nicht so sehr gespürt, wie wichtig uns Menschen sind, wie sehr wir auf andere angewiesen sind: auf ihre Anwesenheit, ihre Zuneigung, auf das Gespräch mit ihnen. Das ist gut zu wissen.“

Frau Maier, deren Gartentor und Rosen ich bei meinem gescheiterten Manöver mitgenommen hätte, und die kreideweiß vor mir stünde, würde ich sanft einen Besen in die Hand legen und erklären:

„Unser Land ist ein starkes Land, weil so viele Menschen für andere da sind und in der Krise über sich hinauswachsen.“

Herr Krause wäre schon weniger wütend. Das gute Zureden seiner Frau und natürlich meine Worte hätten sehr geholfen, den Blick auf das Wesentliche zu lenken. Er würde sich den Schaden an seinem Auto genauer anschauen und sich dann aber doch fragen, wie er nun zur Arbeit kommen solle.

Auch hier wüsste ich eine Antwort:

„Uns allen haben die Einschränkungen, die wir uns auferlegen mussten, zugesetzt. Dennoch: Vergessen wir bitte neben den vielen dunklen die hellen Seiten dieses Vorfalls nicht. Gerade in diesen Tagen erleben wir doch: Der Unfall treibt uns nicht auseinander. Im Gegenteil, er lässt uns zusammenrücken. Unser Land ist ein starkes Land, weil so viele Menschen für andere da sind und in der Krise über sich hinauswachsen.“

Jetzt würde Herr Krause stolz nicken.

Wenn dann die Polizei käme, fände sie eine Szene von Freundschaft und Solidarität vor. Herr und Frau Krause hielten sich gegenseitig im Arm, Frau Maier hätte schon mit neuem Mut, und von meinem Applaus begleitet, begonnen die Trümmer beiseite zu fegen.

Mein Auto würde abgeschleppt, man beruhigt mich, das sei natürlich kostenfrei, denn: „Unser Staat greift denen unter die Arme, die wirtschaftlich in Not geraten.“ Schon am nächsten Morgen hätte man mir ein neues Auto hingestellt, damit ich schnell wieder auf die Beine komme.

Im Radio höre ich, dass man, um aus der Krise zu kommen, die Leistungsträger unterstützen müsse, unnötige Bürokratie solle unbedingt abgebaut werden.

Richtig so! Das mit dem TÜV war schon immer quatsch.

Alfred Statler

Der Fehlermelder 0 (0)

Ich wollte, ich wäre ein Kopierer. Immer würde sich wer um mich kümmern. Und nie wäre ich schuld. So stelle ich mir das Leben im Finanzamt …, ääh, im Paradies vor.

Wenn mich wer stresst, stresse ich zurück und sage Papierstau. Ab sofort geht es nur noch um mich. Mein inneres Wohlbefinden ist das neue Projekt. Habe ich noch weniger Bock auf Arbeit, mache ich Dokumentenstau. Da geht erst gar nichts rein in mich. Sondern alles geht vorher schon kaputt. An so was verzweifeln meine Bediener – Abkürzung: Diener. Das genieße ich noch mehr als das zärtliche Zoppeln an meinen Eingeweiden beim Papierstau. Der allerdings den Vorteil der Unendlichkeit hat. Mensch, der du glaubst, du hättest das letzte Papierschnipselchen aus mir rausgezogen – nichts hast du begriffen vom Leben. Du wirst es kennenlernen – in Gestalt meines labyrinthischen Innenlebens.

Bin ich entstaut beziehungsweise macht Papierstau keinen Spaß mehr, rufe ich Kein Papier. Sofort machen Hände Karate mit Papierpackungen, reißen Packpapier von A4-Stapeln runter und stopfen mich wie eine Gans. Ich bin aber keine. Ich bin nicht dumm. Auch wenn so mancher Diener das schon durchs Großraumbüro geschrien hat. Ich habe den Computer studiert, den die Menschen so bewundern. Und bin zu einem geworden. Ich kenne Fehlercodes und Administratoren-Passwörter, von denen noch kein Computer jemals gehört hat.

Neulich wollte mich ein Diener vergiften. Ich habs erst nicht geglaubt. Dann dachte ich: Jetzt wirds mir aber zu bunt. Nicht empfohlener Toner war alles, was ich sagen musste. Der Trottel hat das Fläschchen wieder rausgeholt und auf ex getrunken. Dann hat er sich vor mir niedergeworfen.