Der letzte Modernist 0 (0)

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Gabriel Josipovici © Ewart Reder

 

Mittwoch, 6. Oktober von 15 – 16 Uhr

WortWellen

Einer leicht phantasielosen Begrifflichkeit zufolge leben wir in der Postmoderne. Davor lebten wir in der Moderne. Das Einzige, was unsere Epoche mit ihrem Namen über sich aussagt, ist also, dass sie nicht mehr „modern“ ist. Und wer sich mit den Begriffen beschäftigt, stellt fest, dass dahinter zwei Programme stehen. Die Moderne gilt heute als utopisch, engagiert, revolutionär und einfacheren Gemütern auch als ’schwierig‘. Dagegen wollte die Postmoderne eine neue Leichtigkeit setzen. Anything goes. Close the gap and cross the border. Mit diesen Parolen wollte man den Unterschied zwischen Kunst und Unterhaltung (vgl. unser Septemberthema) zuschütten, um eine neue Massenkultur (die Popkultur) zu schaffen. Bei vielen interessanten Ergebnissen des Projekts fällt auf, dass die Literatur seitdem vor allem eins geworden ist: konventioneller. „Pappmascheeromane“ nennt der Protagonist von Gabriel Josipovicis Roman „Wohin gehst du, mein Leben?“ die Bücher, mit deren Übersetzung er sein Geld verdient.

Womit der Gegenstand unserer heutigen Sendung benannt ist: Gabriel Josipovici. Der britische Autor hat, weitgehend unbemerkt von der deutschen Leserschaft, eine lange Reihe meist kurzer Romane geschrieben. Und die sind unverdrossen modern. Josipovici veröffentlichte auch ein längeres Essay, das nach den Gründen fragt, warum das moderne Literaturprogramm von den meisten Autor:innen verlassen wurde: „What Ever Happened to Modernism?“. Wir werden uns in einer späteren Sendung damit befassen. Heute geht es um „Wohin gehst du, mein Leben?“, den aktuell einzigen Josipovici-Roman , der auf deutsch lieferbar ist (Jung&Jung). Sowie um zwei weitere Romane des Meisters, auf englisch erhältlich. WW-Redakteur Ewart Reder und sein Gesprächspartner Axel Dielmann, Verleger und Schriftsteller aus Frankfurt, outen sich als Josipovici-Gourmets und -Fans. Im Gespräch über drei seiner Romane wollen sie das Geheimnis des literarischen Einzelgängers anfassbar machen. Wenige Tage vor der Buchmesse sind außerdem spannende Neuigkeiten aus dem Axel Dielmann – Verlag zu erwarten. Many things, go!

Die Homothematische 5 (1)

Einmal im Jahr fahre ich nach Berlin. Der Grund ist: Ich wurde dort geboren. Zwanzig Jahre lang. Zwanzig Kilometer näher an Frankfurt liegt Paris, aber dort wurde ich leider nicht geboren. Also Berlin. Für mich kommt Berlin wie Weihnachten: alle Jahre wieder. Warum ich mit Stolz ein Fremder bin in der Stadt, mag verstehen, wer ihr mal zuhört:

Na klar, det eijene Nest beschmutzen. Det kanner. Wenn er ooch sonst nischt druffhat, weil: Sonst würd er ja HIER leben. Wo die Kreativen leben aus dem einfachen Grund: Die ham jehört, det hier die Kreativen leben, und jewusst: DA werd ick ooch kreativ, weil: Det färbt ab uff mich. Aber ick hörma janz schnell mit Berlinern uff, weil: Das tut man hier nicht. Hier wird English spoken. In Frankfurt reden die Leute Englisch, die kein Deutsch können. Hier redet der erste, der den Mund aufmacht, Englisch und alle hören zu, weil sie überlegen müssen, wie ihre Meinung auf Englisch geht. Das bildet. Zuerst mal die Meinung. Du hörst denen zu, die als erste reden. Und das werden ja wohl Erfahrungs gemäß die Schlauesten sein, ODER?

Als erste morgens aufstehen tun allerdings andere. Das Café, in dem du schreibst, hat eine Stunde später aufgemacht als dransteht. Und mit halber Besetzung. Die Bedienung, die gekommen ist, hat weniger erlebt letzte Nacht als die Kollegin, die nicht gekommen ist, obwohl sie es hätte sollen. Erzählt die Gekommene mit feierlicher Stimme einem Gast, der mitgefeiert hat gestern, weshalb die Bedienung mit ihm als einzigem spricht, auf Englisch natürlich, während sie die übrigen Gäste (wie dich) als Tote betrachtet, die sich in die postmoderne Situation ihres Cafés verlaufen haben. Mitleid mischt sich in ihre Stimme, der Gast hat das Wichtige nicht mitgekriegt gestern, weshalb es ihm in ekelbitterem Tonfall erzählend erklärt wird. Immer noch besser als Kunden zu bedienen, die man nicht kennt und die einen auf Deutsch anschweigen.

Ich weiß, was du jetzt denkst: Die Bedienung ist gestern zu Recht übriggelieben. Schäm dich. Wie altmodisch du denkst. Als könnte es einer Frau darum gehen, einem anderen Gender zu gefallen oder mehreren. Das interessiert keine*n mehr. Das ist das alte Konzept von Ich guck dich an und hör dir zu, weil ich nichts aussehe und nichts reden kann. Schau dich bitte mal um. Das sind alles Luxuskörper mit premium proportions & propositions. Von denen hat keine*r Zeit irgendwem zuzuhören oder -zugucken. Da gehts um performance. Um presence. Um pride. Das sind Statements.

Der Tote auf dem Bürgersteig liegt neben zwei frischen Bananen. Statement: Ich lebe noch, auch wenn mein Geruch die Verwesung von so manchem bereits beinhaltet. Die junge hübsche Frau auf Streichholzbeinen wie eine Auschwitz-Überlebende. Statement: Ich interessiere keinen und weiß es. Der Afrodeutsche, der in den Achtzigern Star des Bundesliga-III-Aufsteigers Viktoria war und den heute keiner mehr kennt in dem Verein. Statement: Stirb rechtzeitig.

Hinterbleiben werde ich, an welchem Grab auch immer. Junge Israelis empfehlen mich im Fernsehen. Wenn sogar meine Opfer mich lieben, muss ich nett sein. Denkste. Weeßte nur nich. Sollste denken und machste. In mir immer nur das Neueste. Das gilt auch für Meinungen. Wurst oder Burger? Du hast die freie Wahl. Nimm die vegetarischen Varianten dazu und du hast das volle Spektrum. An der Topographie des Grauens gibts die „Mauerwurst“. Am Holocaustmahnmal demnächst den „Holoburger“. Ja, Freunde, das bin ich! Ein Orakel ohne Mitteilung. Eine Sphinx mit zwei Hinterköpfen. Allegorisch betrachtet bin ich ein Kadaver. Mein zweiter Körper sind Maden, die mich lückenlos bedecken. Irgendwann bin ich weg, aufgebraucht. Dann werden die Maden wissen, was sie ohne mich sind: kein Kolumnenthema.

 

Der Salatgeflüchtete 5 (1)

Bei meinem Sohn liegen die Zahnhälse blank. Und bei mir die Nerven, weil: Der Zahnarzt traut sich nicht, meinem Sohn die Ursache für Zahnfleischschwund zu verraten. Mir glaubt der Sohn eh nichts. Also wer sagt es ihm? Ich habe Kolumbus gebeten. Der kennt sich aus. Und den Namen könnte mein Sohn schon mal gehört haben.

Junge, hör mir gut zu. Falls ich etwas undeutlich spreche – ich habe keinen einzelnen Zahn mehr. Womit wir schon beim Thema sind: Zahnfleischschwund. Ich hatte ihn. Und ich kenne seine Ursache: Vitaminmangel. Okay, wir haben noch „Salatmangel“ gesagt. Und kriegten davon die „Seemannskrankheit“. Ihr sagt Skorbut. Aber wir haben die Krankheit erfunden – vielleicht das Einzige, was wir gefunden haben. Du sagst Amerika? Du nennst uns Entdecker und Eroberer? Dann hör mir mal gut zu, du Antigrünschnabel.

In Wahrheit wollten wir damals drei Dinge: lange aufbleiben, kein Tageslicht und keinen Salat. Wir waren jung, du verstehst. Salat war der Hauptfeind, weil: Er schmeckt einfach nicht. Wir wollten dahin, wo Salat nicht wächst. Also fuhren wir zur See. Was allerdings fünftausend Jahre lang bedeutet hatte: Du fährst an den Küsten entlang. Irgendwann kommt der nächste Hafen, da legst du an – und hast wieder den Salat. Und noch was Viertes, was wir nicht mochten: Frauen. Gegen die hatten wir quasi die Ableitung einer Abneigung: Frauen sind gegen langes Aufbleiben. Frauen lassen Tageslicht in dein Zimmer. Und Frauen bereiten Salate zu. Häfen waren also gefährliche Orte für uns, dort lebten Frauen. Auf unseren Schiffen dagegen nur Jungs. Jahrhunderte lang hatten wir Seeleute den Ruf, die schlimmsten Pickupper und Flachleger zu sein – alles Quatsch. Die Frauen haben auf uns gewartet, weil sie uns die drei Sachen beibringen konnten. Den anderen Männern hatten sie es ja schon.

Irgendwann war es genug. Wir sind auf den Atlantik ausgewichen. Da gabs keine Häfen und somit endgültig keinen Salat mehr. Es war das Paradies für richtige Jungs. Du bist runter in deine Kajüte, der Rollladen vor dem Bullauge war immer unten (rund war der – hätte sich gar nicht aufwickeln lassen) und keiner ist gekommen, bis du alle Kills gemacht hattest, die du wolltest in jener Nacht oder an jenem Tag, den Unterschied gabs nicht mehr. Kartoffelchips waren noch nicht erfunden – Problem! Zu denen fehlte noch eine Zutat. Aber russische Eier geht auch („Ei des Kolumbus“) oder altes Brot, und wenn das alle ist: Zwieback. Wir wussten natürlich: Die Zutat muss schleunigst gefunden werden. Ohne Kartoffelchips geht jedes Paradies zum Teufel.

Leider kam dann der unglückselige Tag – und an ihm dieses Land in Sicht. Ich spreche seinen Namen nicht aus, mir ist schon schlecht, wenn ich an die Optik zurückdenke: Strand, Steine und oben drauf – ganz viel Salat. Die Völker, die wir kennenlernen mussten, waren aufs Engste mit dem Salat und jeglichem Grünzeug verbunden, was ehrlich gesagt so den Hass in uns erzeugt hat, dass wir sie später ausgerottet haben. Wenigstens eine braune Sache erhielten wir von ihnen: die Kartoffel. Trotzdem. Sieh dich doch mal um auf der Welt. Was hat unsere damalige Salatflucht im welthistorischen Sinne gebracht? Imperialismus, Globalisierung, Völkermord, Sklavenhandel, die Börse (unsere Expeditionen waren die ersten Risikoanlagen), Rassismus, Spanisch als zweite Fremdsprache (als ob Deutsch nicht schon fies genug wär) … sag mir, wann ich aufhören soll. Ach ja – und Zahnausfall. Mir hats den gebracht.

In fünfhundert Jahren, glaub mir, hast du Zeit für so manchen selbstkritischen Gedanken. Dein Vater hat schon den Richtigen beauftragt. Ich sage es dir im Guten, mein Junge: Iss Salat. Geh schlafen, wenn du müde bist. Und zieh, wenn du aufstehst, den Rollladen hoch. Und eine Frau ist überhaupt das Beste. Mach es nicht wie wir damals. Am Ende hast du keine Zähne mehr, aber irgendwas entdeckt und damit fünfhundert Jahre Elend über die Menschheit gebracht.

Lüül & Band: West-Berlin 0 (0)

Video von Dirk Trageser: Lüül & Band; Musik & Text: Lüül; CD “Wanderjahre” (M.I.G./SPV); Lüül: Gesang, Gitarre, Flügel, Kruisko: Akkordeon, Gesang; Kerstin Kaernbach: Geige, Gesang; Daniel Cordes: Kontrabass, Gesang; produziert von Andreas Albrecht und Lüül; aufgenommen in Schlenzer, Kultur im Raum und West-Berlin März 15; Tyfoo Musikverlag