Farewell Weihnachten

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Wir begrüßen eine neue Stimme auf dem Blog: Alfred Statler!
Jeden Monat – so um dessen Mitte herum – nimmt er künftig von etwas Abschied.
Zuerst mal von Weihnachten:

Ich hasse diese Pandemie, ich hasse, was sie aus meinen Freunden macht und was sie aus meinen Freuden macht. Mich über die Politiker und Fachleute lustig zu machen, die versuchen mit ihrer Panik umzugehen, ist mir schon in der ersten Welle langweilig geworden. Wie so oft brauchte den zweiten Teil kein Mensch. Es gibt nur eine Sache, die ich mehr hasse als die Pandemie: Weihnachten.
Normalerweise bin ich schon bedient, wenn ich den obligatorischen Betriebsausflug auf den Weihnachtsmarkt hinter mich gebracht habe. Wer glaubt, dass Jana aus Kassel dumm ist, hat Jochen aus der Buchhaltung noch nicht auf einem Weihnachtsmarkt erlebt. Dessen Humor fällt mir dem Glühweinpegel von Sexistisch (nüchtern) über rassistisch (angetrunken) auf „das wird man ja noch sagen dürfen“ (betrunken). Berauscht von der Zustimmung der Kollegen, gewinnt er dann neues Selbstvertrauen, das spätestes jetzt die Kolleginnen zwingt, nachhause zu gehen. Als die Weihnachtsmärkte abgesagt wurden, habe ich spontan eine Flasche Wein geöffnet und mit meiner Frau angestoßen.
Seitdem hoffen wir auch darauf, dass auch Weihnachten ausfällt. Als Laschet meinte, es komme das härteste Weihnachten seit dem zweiten Weltkrieg auf uns zu, war mir sofort klar, dass der Mann keine Ahnung von Weihnachten hat. Das härteste Weihnachten seit dem zweiten Weltkrieg war, als mein Schwager seiner Tochter das falsche I-Phone gekauft hatte. Während meine Frau versuchte die Wogen zu glätten, habe ich mich mit meinem Schwiegervater und einer Flasche Eierlikör auf den Balkon verdrückt, wo er mir verriet, dass er seit den Bombennächten nicht mehr so viel Krach erlebt hätte.
Mein Schwiegervater ist auch der Grund, warum wir jedes Weihnachten dieses schreckliche Fondue essen müssen. Keiner mag es, aber es ist halt „Familientradition“ und „man macht das halt so“. Wir essen das immer noch jedes Jahr, obwohl mein Schwiegervater längst verstorben ist. Meine Vermutung ist ja, dass er es selbst auch nie mochte, aber irgendwann in den 60ern seiner Frau (Gott hab sie selig) das Fondue Set im Sonderangebot als Weihnachtsgeschenk gekauft hat und diese es, nur um sich zu rächen, seitdem jedes Jahr zu Weihnachten aus dem Schrank genommen hat. Wir scheinen es da mit einer Art der Erbsünde zu tun zu haben.
Nach dem I-Phone Vorfall bin ich mit meiner Frau in einen Streit darüber geraten, wer bei den kommenden Feiern nüchtern bleiben muss und wer sich betrinken darf. Die Lösung ist, dass wir jetzt jedes Jahr würfeln. Wir nennen es das „Russische Roulette“.
Mit Spannung verfolgen wir jeden Abend die neuen Zahlen in der Tagesschau. Wird es reichen? Wir malen uns in den schönsten Farben aus, wie wir den Abend verbringen könnten und formulieren um die Wette geheuchelte, telefonisch überbrachte Bekundungen, wie gerne wir doch gekommen wären.
Ich denke mein Schwager macht es genauso.

Alfred Statler

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