Die Verkennbare

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Nach einem Jahr Pause hat die Frankfurter Buchmesse wieder stattgefunden. Hat sie? Klar, stand in der Zeitung. In der, wo Redakteurinnen ihre Artikel im Bett des Chefredakteurs schreiben müssen? In ALLEN Zeitungen stands, du Missbrauchsopfer! Die Buchmesse: Wo die ganze Welt in 20 Hallen über Bücher redet, die sie nicht gelesen hat? Nun, der Hallen waren es diesmal DREI. Was weiß denn ich, vielleicht ist die Welt kleiner geworden. Himmel, weiß echt KEINER, ob die Buchmesse stattgefunden hat? Wir fragen eins, das dagewesen sein müsste, wenn. Wir fragen das Buch:
Ja gut, ich war da. Sonst weiß ich nicht. Samstag Morgen um elf fegten die Steppenhexen über die Agora. Das Lesezelt war ein Sehfehler: Seine Buntheit hat sich mir in den vergangen Jahren so ins Hirn gebrannt, dass es wieder vor mir stand. Obwohl es eingespart wurde. Wie der komplette Hörbuchstand. Wie die Shuttles, mit denen ich so gerne gefahren bin. Wie die Computer für Journalisten. Wie die Antiquare. Wie die Duftöl- und Räucherstäbchenstände. Wie die … okay, ich hör auf. Schneller geht, was da war: Politiker, Polizei, Populisten- und Naziverlage, Poplig Rileischen oder wie das Gezappel heißt. Pop, Traian, der Edelparkett-Verleger aus Ludwigsburg, konnte nicht kommen wegen Corona kurz vor seinem siebzigsten Geburtstag. Ungefähr siebentausend weitere Verleger fehlten auch. Frag mich aber nicht, WEM. Mir nicht, hätt ich fast gesagt.
Es war fürchterlich, was immer es genau war. Hinter dem Messezaun wurde Frankfurt gesichtet, aber zu mir in eine Lesung durfte keiner, es sei denn, er hätte einen Dateneingabewettbewerb gewonnen und den Hauptgewinn, ein Elektroticket, nicht anschließend an das diesjährige Ehrengastland Datanirwana verloren. Ich hab mich verlassen gefühlt. Stand nachts frierend auf meinem Bord und hab mich gefreut, wenn morgens die Standbeleuchtung anging. Hab keinen meiner Nichtleser wiedererkannt, weil alle maskiert an mir vorbeiliefen. Nicht mal den Umsonstkaffee am taz-Stand gab es, für den die Leute immer so lange angestanden sind, dass sie fünf Seiten von mir aus dem Lautsprecher der benachbarten Leseinsel der unabhängigen Verlage mitanhören mussten. Die fünf Seiten ihres Nichtleserjahrs!
Einen, der praktisch immer liest, hab ich gehört von meiner Insel aus: den Dielmann, Axel, fröhlichen Bücherdealer aus dem Frankfurter Süden. Das lässt sich auch nicht vermeiden bei der Laune, die der aus seinem protzigen Verlagschalet pustet, aus einem Organ, das Wert darauf legt, kein Verhältnis mit seiner Körpergröße zu unterhalten. Mir ist wohler, wenn gelacht wird. Geradezu wohlig wird mir, wenn ich gekauft werde. Am allerhochwohlsten ergeht es mir aber, wenn eine meinetwegen schnapsrote Nase in meinen Seiten steckt und wenn dann aus verständnisvollen Augen Tränen der Seele oder des Zwerchfells auf mich hernieder tropfen. Dann bin ich, wozu ich tauge. Dann tue ich, was ich kann. Dann lebe ich und bin kein Gerücht mehr und keine Geschäftsidee unbelesener Vertriebsmenschen.
Zuletzt treffe ich Nicely, Catherine, den Büchervulkan aus Berlin Wilmersdorf, und weiß nach drei Sätzen von hinter deren Maske: Jawoll! Das, was die Frankfurter Buchmesse wirklich ist, hat stattgefunden. Du sollst deine Mütter und Väter ehren, knirsche ich durch meinen eingeschweißten Deckel, auf dass es dir wohl ergehe und du noch viele Nichtleser überlebst. Ehre sei ergo den Verlegenden!

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