Der Salatgeflüchtete 5 (1)

Bei meinem Sohn liegen die Zahnhälse blank. Und bei mir die Nerven, weil: Der Zahnarzt traut sich nicht, meinem Sohn die Ursache für Zahnfleischschwund zu verraten. Mir glaubt der Sohn eh nichts. Also wer sagt es ihm? Ich habe Kolumbus gebeten. Der kennt sich aus. Und den Namen könnte mein Sohn schon mal gehört haben.

Junge, hör mir gut zu. Falls ich etwas undeutlich spreche – ich habe keinen einzelnen Zahn mehr. Womit wir schon beim Thema sind: Zahnfleischschwund. Ich hatte ihn. Und ich kenne seine Ursache: Vitaminmangel. Okay, wir haben noch „Salatmangel“ gesagt. Und kriegten davon die „Seemannskrankheit“. Ihr sagt Skorbut. Aber wir haben die Krankheit erfunden – vielleicht das Einzige, was wir gefunden haben. Du sagst Amerika? Du nennst uns Entdecker und Eroberer? Dann hör mir mal gut zu, du Antigrünschnabel.

In Wahrheit wollten wir damals drei Dinge: lange aufbleiben, kein Tageslicht und keinen Salat. Wir waren jung, du verstehst. Salat war der Hauptfeind, weil: Er schmeckt einfach nicht. Wir wollten dahin, wo Salat nicht wächst. Also fuhren wir zur See. Was allerdings fünftausend Jahre lang bedeutet hatte: Du fährst an den Küsten entlang. Irgendwann kommt der nächste Hafen, da legst du an – und hast wieder den Salat. Und noch was Viertes, was wir nicht mochten: Frauen. Gegen die hatten wir quasi die Ableitung einer Abneigung: Frauen sind gegen langes Aufbleiben. Frauen lassen Tageslicht in dein Zimmer. Und Frauen bereiten Salate zu. Häfen waren also gefährliche Orte für uns, dort lebten Frauen. Auf unseren Schiffen dagegen nur Jungs. Jahrhunderte lang hatten wir Seeleute den Ruf, die schlimmsten Pickupper und Flachleger zu sein – alles Quatsch. Die Frauen haben auf uns gewartet, weil sie uns die drei Sachen beibringen konnten. Den anderen Männern hatten sie es ja schon.

Irgendwann war es genug. Wir sind auf den Atlantik ausgewichen. Da gabs keine Häfen und somit endgültig keinen Salat mehr. Es war das Paradies für richtige Jungs. Du bist runter in deine Kajüte, der Rollladen vor dem Bullauge war immer unten (rund war der – hätte sich gar nicht aufwickeln lassen) und keiner ist gekommen, bis du alle Kills gemacht hattest, die du wolltest in jener Nacht oder an jenem Tag, den Unterschied gabs nicht mehr. Kartoffelchips waren noch nicht erfunden – Problem! Zu denen fehlte noch eine Zutat. Aber russische Eier geht auch („Ei des Kolumbus“) oder altes Brot, und wenn das alle ist: Zwieback. Wir wussten natürlich: Die Zutat muss schleunigst gefunden werden. Ohne Kartoffelchips geht jedes Paradies zum Teufel.

Leider kam dann der unglückselige Tag – und an ihm dieses Land in Sicht. Ich spreche seinen Namen nicht aus, mir ist schon schlecht, wenn ich an die Optik zurückdenke: Strand, Steine und oben drauf – ganz viel Salat. Die Völker, die wir kennenlernen mussten, waren aufs Engste mit dem Salat und jeglichem Grünzeug verbunden, was ehrlich gesagt so den Hass in uns erzeugt hat, dass wir sie später ausgerottet haben. Wenigstens eine braune Sache erhielten wir von ihnen: die Kartoffel. Trotzdem. Sieh dich doch mal um auf der Welt. Was hat unsere damalige Salatflucht im welthistorischen Sinne gebracht? Imperialismus, Globalisierung, Völkermord, Sklavenhandel, die Börse (unsere Expeditionen waren die ersten Risikoanlagen), Rassismus, Spanisch als zweite Fremdsprache (als ob Deutsch nicht schon fies genug wär) … sag mir, wann ich aufhören soll. Ach ja – und Zahnausfall. Mir hats den gebracht.

In fünfhundert Jahren, glaub mir, hast du Zeit für so manchen selbstkritischen Gedanken. Dein Vater hat schon den Richtigen beauftragt. Ich sage es dir im Guten, mein Junge: Iss Salat. Geh schlafen, wenn du müde bist. Und zieh, wenn du aufstehst, den Rollladen hoch. Und eine Frau ist überhaupt das Beste. Mach es nicht wie wir damals. Am Ende hast du keine Zähne mehr, aber irgendwas entdeckt und damit fünfhundert Jahre Elend über die Menschheit gebracht.

Die Exbesessenen 5 (1)

Ich habe mir heute Handschuhe bestellt. Zum 1. M a i  –  das muss man sich mal vorstellen. Aber ich habe keine mehr. Warum nicht? Sag ich nicht. Ist mir peinlich. Frag meine letzten Exhandschuhe, die wissen alles über das Thema:

Der Mann kauft sich uns, wie andere Wildschweinfutter kaufen. Dann ab ins Freie und uns irgendwo liegen lassen. Wer zwei Hemden hat, gebe dem, der keines hat. Auf Handschuhe angewendet hast du mit der Devise nie Handschuhe. Es ist aber noch schlimmer: Er verliert uns immer beide. Das liegt an dem, wozu er uns benutzt: für den Arsch. Er sagt sich: So kalt, dass ich Handschuhe brauche, ist es heute nicht. Dann packt er uns trotzdem in den Rucksack und auf der ersten Bank, wo er sich ausruhen muss, findet er es plötzlich kalt. Und zwar für den Arsch. Er legt uns nebeneinander auf die Bank und setzt sich auf uns drauf. Das gefällt ihm. Na ja, wir sind eben kuschelig. Und er hat nicht mehr die Eier und den Harntrakt wie ein Junger. So weit verstehen wir ihn. Außerdem findet er es entspannend, dass er in der Position immer weiß, was zu tun ist, nämlich: denken, dass er die Handschuhe nicht vergessen darf. Das hält er im Vergleich zu seinen hochkomplexen Gedanken, auf deren Komplexität er nur selten Bock hat, für leicht. „Fokussierend“ nennt er es, an uns zu denken und an den Moment, in dem er aufstehen und uns nicht auf der Parkbank zurücklassen wird. Wie er jedes Mal wieder glaubt . . .

Wenn wir dazwischen mal was Positives sagen dürfen: Wir haben immer eine tolle Aussicht, sobald er weg ist. Die Parkbänke, die der Mann findet, sind es wert, wie er mal sagte, an sie und an den Ausblick von ihnen zu denken und zu wissen: Da liegen jetzt Handschuhe von mir. Denkste: lagen mal. Er hat schon manchen Weg wieder zurück gemacht zu einer Bank, auf der er unsereinen (beziehungsweise -zwei) hat liegen lassen, und erfahren müssen: Wir sind nachtragend, und nicht etwa, wie er es gerne hätte: dass wir uns ihm hinterhertragen würden. Sondern es macht was mit uns, vergessen zu werden. Es verletzt. Wir denken dann: Finderfreude ist treuer als Käuferstolz. Und gehen mit jedem mit, der uns findet, auch wenn das grundsätzlich fremde Männer sind. Okay, auf Händen zu stecken fühlt sich am Anfang seltsam an, in aller Öffentlichkeit, statt unter einem Gesäß verborgen zu ruhen. Aber er wollte es ja nicht anders.

Ich weiß, dass er sich manchmal vorgestellt hat, wir würden seinen Hintern in Wahrheit zärtlich anfassen. So hat er uns immer hingelegt: die Daumen nach innen. Wie manche Frauenhände das beim Akt eben so schön machen. Ich persönlich glaube, es war dieser unterkomplexe Gedanke, der ihn regelmäßig hat vergessen lassen, dass er uns nicht vergessen darf. Euphorisiert wird er gewesen sein, da ist er immer gefährdet. Das lässt ihn augenblicklich an das Gute im Leben glauben, zu dem Kälte oder der Verlust wertvoller Gegenstände nicht mehr recht passen wollen.

Moment mal, hast du grad „ich“ gesagt? Wir sind doch „wir“.

Na ja. Ich vermisse ihn halt. Irgendwo.

Na ich doch auch.

Artikel ausverkauft 5 (1)

Länger hatte man nichts mehr gehört von ihr. Überraschend war sie dann nach den ersten Lockerungen doch wieder zu haben. Wie lange noch, ungefähr? Die Würde des Menschen weiß es selber nicht:

Hände weg! Ich bin unantastbar, schon vergessen? Nimm mal ganz schnell deine Fettfinger aus meiner Lockenpracht! Ich wachse auf den Menschen nicht zum Spaß. Kant sprach vom „unvergleichlichen Wert“ des Individuums: Damit war ich gemeint. Ohne mich würdet ihr alle aussehen wie Gianni Infantino und Jeff Bezos. Mit mir wärs dann in jeder Beziehung aus. Okay, die letzten Monate gabs mich mal nicht. Da hatte man mich vergessen, mich weggesperrt. Aber wie Chris Hemsworth oder Shakira wollten die Menschen dann auch nicht aussehen. Ja Kinder, ich muss regelmäßig geschnitten, gepflegt, ab und zu sogar mal gewaschen werden. Bloß gut, dass wir die Politik haben. Die hat mich kurz vor knapp doch noch wiederentdeckt. Ich bin jetzt wieder zu haben und du kannst mit etwas Kleingeld (und noch mal Kant) dafür sorgen, dass andere dich „jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel“ behandeln. Dich nicht mit Haushaltsgeräten verwechseln wie Mobb oder Topfkratzer. Oder mit Asozialen. Früher nannte man diese Leute Penner:innen, weil deren Frisuren immer so verpennt aussehen. Wach auf, Mensch, und lass dir mich machen, solange es für mich noch Termine gibt!

Und sonst so? Wo gibts mich noch zu kaufen? Leider nicht bei der CDU/CSU, obwohl man da sonst alle recht günstig kriegt. Aber mich wollen sie nicht (außer als Werbemittel zu Öffnungs- und Wirtschaftszwecken). In Deutschland ist überhaupt schwierig. Vielleicht mal in dem einen Gesetz probieren, ich komm grad nicht auf den Namen. Da könnte ich – ganz vorne am Eingang – vielleicht noch rumstehen, falls sie mich nicht zwischenzeitig gestrichen haben. Oder Pandemie bedingt ausgesetzt wie meine Nachbarartikel.

Manche sagen, es gebe mich auch auf Gitterrosten über Abluftschächten, in Kaufhauseingängen, unter Brücken und so. Wo es warm und/oder trocken ist, würd ich mal nachgucken, da könnte ich liegen. Vereinzelt und massenhaft zugleich, wie alle Menschen heutzutage. Meinen Friseurtermin habe ich noch nicht erhalten. Die Körperpflege vernachlässige ich zwecks Konzentration auf mein Überleben. Also wie schon gesagt und wie es geschrieben steht: Ich bin unantastbar. Fass mich bloß nicht an!

Vielleicht noch mal in warmen und trockenen Ländern nach mir schauen, da, wo es Wüsten gibt oder ähnlich billige Wohngegenden. Vielleicht liege ich da irgendwo am Straßenrand, unter die Räuber gefallen, halb totgeschlagen. Sicher ist es aber nicht. Viele gingen an mir vorüber und guckten weg. Sie werden mich nicht bezeugen. Über den gegenüberliegenden Straßenrand kannst du sie alles fragen.

“Per Ursulam ad Astra” (Seneca) 5 (1)

Die „offene Gesellschaft“ (Popper) erzeugt Vielfalt. Im Supermarktregal steht Qualität einträchtig neben Pfusch und akzeptiert es, unverkauft stehenzubleiben. Erzählt der Impfstoff von AstraZeneca:

Ich denke positiv über Krankheiten. Ich entspringe ja auch einer Liebesehe. Ein zweitklassiger Philosoph und ein erstklassiges Billigauto haben mich gezeugt. Meine Kindheit war glücklich. Ich musste nichts können, ich wurde einfach so geliebt, wegen meiner Billigkeit. Als ich auf den berühmten Mittagsmarkt von Brüssel kam, war BiontechPfizer zwanzig Mal teurer als ich. Für das Zeug sollte die EU exakt dasselbe latzen, um was der internationale Fonds Covax erfolglos bettelt, um damit die ganze Welt zu impfen: 27 Milliarden. (Und zwar Euro, für die Welt reichen Dollars.) Gesundheiten haben eben unterschiedliche Preise. Nordamerika wird aktuell fünfzig Mal schneller geimpft als Afrika. Europa dreißig Mal schneller. Südamerika immer noch zehn Mal schneller. Aber nicht traurig sein, Afrika. Ozeanien ist noch wertloser als du.

Mal Hand auf die Lunge, Leute: Gegen das Karnevalszeug aus Mainz bin ich Volkseigentum. Ich koste, seit die mit ihrem Preis siebzig Prozent runter gegangen sind, noch immer kein Siebtel von denen! Okay okay, ich kann nix. Ja gut. Aber was nützt dir der Lamborghini in der Garage vom Nachbar? Eigener Astra und basta. Du hast das Recht, die Welt durch eine Windschutzscheibe zu betrachten. Fahren sollen ruhig die Anderen. Warte nur ab, für die steht schon hinter irgend so einer Kurve der Straßenbaum und dann wars das mit der Ungerechtigkeit. “Nicht, lange zu leben, soll unsere Sorge sein, sondern hinreichend.” (Seneca). Europas Geldbeutel reicht für einen Opel Astra und für mich nicht nur hin. Zurück auch noch reicht Uschis Eurobrieftasche für mich! Ich bin billig und krasser Weise lasse ich mich auch noch in Lizenz produzieren. Doch, für euch mache ich das.

Da muss aber dann auch mal Schluss sein. Was wollt ihr denn noch? Dass überall ausreichend Impfstoff produziert wird? Dass überall nur der wirksamste produziert wird? Dass alle Menschen, die es wollen, damit geimpft werden? Ja klar, das wäre dann Planwirtschaft. Vernunftterror wäre das. Könnte euch so passen, ihr triefnasigen Simulanten, dass wir unsere schöne Freiheit und Vielfalt auf dem Altar eurer langweiligen Gesundheit opfern! „Freiheit ist die Freiheit Verbrechen zu begehen, schlimme Dinge.“ Schon mal gehört? Ohne den Schluck Nietzsche aus Onkel Rumsfelds Feldflasche kriegt die Ursula von der „Leihen ist billiger als Heiraten AG“ ihre „Sir Popper‘s offene Kekstüte“ gar nicht runtergewürgt, ihr philosophischen Hilfsgourmets, ihr Gesundheits-Mantrafahrer! Und ich sag euch noch was: Lizenzen für mich vergebe ich bis zu dem Tag, an dem der letzte Qualitätsdealer vom Markt verschwunden ist. Nicht einen Tag länger. Und dann freu dich auf meine Preise! Ja was denkst du, so geht Marktwirtschaft. Oder hast du dich noch nie gefragt, warum das einzige Computer-Betriebssystem für Normalmenschen auf dieser Welt ein überteuertes Museum für dreißig Jahre alte Programmierfehler ist?

Das Verkannte 0 (0)

Diskriminierung gibt es auch im Haushalt. Auf Tuchfühlung gehen Menschen und Dinge selektiver, als man meinen sollte. Ein Geschirrtuch packt aus: 

Schon mal die Reihenfolge: Das Badetuch kommt immer zuerst. Ungeduscht machen die beiden in der Küche keinen Handschlag. Und gekuschelt wird da noch, wenn die längst trocken sind, einfach so. Weil das Hochwohlriechende ja soo flauschig ist.

Dann die Zuständigkeiten. Ich bin ehrlich: Mit der Chefin hätte ich auch gerne mal Nacktkontakt. Genau genommen kenn ich nicht mal ihre Hände. Die halten mich, okay. Aber getrocknet wollen sie von mir nicht werden. Dafür gibts das „Händehandtuch“ (haben die Brüder Grimm das Wort wirklich kommen sehen??). Ich trockne immer nur Gebrauchsgegenstände, an hohen Feiertagen der Nachlässigkeit meiner Chefin vielleicht mal ne Arbeitsfläche. Kurz drüber – und weggehängt. Wobei dann gleich das Händehandtuch aufheult von wegen „da kann man jetzt keine Gläser mehr trocknen mit“. Klugscheißer. Wenn die Chefin wüsste, was der Mann mit dir Dreckding anstellt: Schuh drauf und den Boden gewischmobbt. Aus wärs da mit den zwei „Händen“ im Handtuchnamen, aber sowas von!

Womit wir bei den Beziehungen sind. Ich bin im Grunde die Mitte des Ehe-Kriegsschauplatzes. Ja kuckma: Der Mann macht doch im Haushalt nichts außer das mit mir. Das hat er „übernommen“, damit die schweren Sachen an der Chefin hängen bleiben. Der nimmt mich vom Haken wie die EU den Fisch, den sie vor Afrika klaut: platzend vor Lachen, wie billig dass er wegkommt. Und danach kuckma genau hin, was er macht. Er nimmt trockenes Geschirr aus einer Maschine und stellt es an großenteils sinnfreien Plätzen der Küche wieder ab. Braucht er dazu ein Trockentuch?, frage ich. Vielleicht um sich die Augen zu verbinden wie beim Topfschlagen, damit sicher ist, dass nicht aus Versehen ein Teller mal am richtigen Platz landet. Aber sonst? Der hängt sich mich über den Unterarm, sag ich dir, wie so ein bekloppter Servierkellner, den er vielleicht bei der Sinnlosigkeits-Olympiade in der Disziplin Handtücher missbrauchen besiegen will. Rum schmeißen tut er mich, wenn ihm langweilig ist. Fehlt noch, dass er sich einen Korb an die Küchenwand schraubt. Der Mann ist doch total überfordert mit sinnvoller Hausarbeit.

Ich weiß nicht, wo die Chefin ihre Augen hatte, als sie den hat Probe trocknen lassen. Aber so isses. Frauen wählen ihr Unglück, auch wenn das Glück direkt am Nachbarhaken hängt.

Der Fehlermelder 0 (0)

Ich wollte, ich wäre ein Kopierer. Immer würde sich wer um mich kümmern. Und nie wäre ich schuld. So stelle ich mir das Leben im Finanzamt …, ääh, im Paradies vor.

Wenn mich wer stresst, stresse ich zurück und sage Papierstau. Ab sofort geht es nur noch um mich. Mein inneres Wohlbefinden ist das neue Projekt. Habe ich noch weniger Bock auf Arbeit, mache ich Dokumentenstau. Da geht erst gar nichts rein in mich. Sondern alles geht vorher schon kaputt. An so was verzweifeln meine Bediener – Abkürzung: Diener. Das genieße ich noch mehr als das zärtliche Zoppeln an meinen Eingeweiden beim Papierstau. Der allerdings den Vorteil der Unendlichkeit hat. Mensch, der du glaubst, du hättest das letzte Papierschnipselchen aus mir rausgezogen – nichts hast du begriffen vom Leben. Du wirst es kennenlernen – in Gestalt meines labyrinthischen Innenlebens.

Bin ich entstaut beziehungsweise macht Papierstau keinen Spaß mehr, rufe ich Kein Papier. Sofort machen Hände Karate mit Papierpackungen, reißen Packpapier von A4-Stapeln runter und stopfen mich wie eine Gans. Ich bin aber keine. Ich bin nicht dumm. Auch wenn so mancher Diener das schon durchs Großraumbüro geschrien hat. Ich habe den Computer studiert, den die Menschen so bewundern. Und bin zu einem geworden. Ich kenne Fehlercodes und Administratoren-Passwörter, von denen noch kein Computer jemals gehört hat.

Neulich wollte mich ein Diener vergiften. Ich habs erst nicht geglaubt. Dann dachte ich: Jetzt wirds mir aber zu bunt. Nicht empfohlener Toner war alles, was ich sagen musste. Der Trottel hat das Fläschchen wieder rausgeholt und auf ex getrunken. Dann hat er sich vor mir niedergeworfen.

Das Reichenreich 2.5 (2)

Vor 150 Jahren war Reichsgründung. WASgründung?? Na Deutschland. Jawohl, älter ist es nicht. Unser „liebes liebes liebes“ (Bernd Höcke) D. Es kann sich selbst nicht mehr ab, wie wir erfahren (muss an den hundertfünfzig Jahren liegen . . .):

„Einig Vaterland“, wenn ich das schon höre! Meine Mutter heißt Frankreich. Ich bin ein Kriegsbastard, „einig“ an mir ist der Rudelbums, bei dem ich gezeugt wurde: Alle süddeutschen Fürsten hat der Bismarck mit ran gelassen. Raus kam ich, am 18. Januar 1871 im gespiegelten Kreißsaal von Versailles. Für Wilhelm gabs die Kaiserkrone. Meine Schwester, die Pariser Commune – erstes kommunistisches Gemeinwesen der Moderne – wurde von Muttern eigenhändig erwürgt. Wilhelm stand dabei und klatschte. Mutters Klunkern hat die Kurfürstendamm-AG gekriegt, Hauptaktionär: Otto von Bismarck. Den Sachsenwald legte man ihm oben drauf, Waldbesitz macht konservativ. Mit mir gings ab in die Gründerjahre und 1873 gleich mal in den „Gründerkrach“, erste deutsche Finanzkrise. Kein Land ohne Traditionen. Weltkriege haben sich da auch bald angeboten. Gezeugt wurde ich, damit die Nachbarn mein Kinderzimmer nicht kriegen (Bismarcks Version), und weil das so schön geklappt hat, ist der nächste Wilhelm in die Nachbar-Kinderzimmer einmarschiert. Gut, die Welt sollte auch „genesen“ an mir, ich war quasi die Weltgesundheitsorganisation damals. Als das beim Ersten Mal schief ging, gabs den Zweiten WK hinterher. Ergebnis: zwei Kapitulationen, zwei Mal bedingungslos. Tja.

Ich wurde gevierteilt. Na und? Was ist schlimm daran? Ich war ein Neununddreißigteilepuzzle noch im Jahr 1864. Vor 1800 gabs zirka tausend Teile von mir! Existiert hab ich vielleicht mal zwischen dem ersten Heinrich und dem zweiten Friedrich, als Thron. Das war im Hochmittelalter. Ansonsten nichts als Schlösser, Burgen, Kapitelsäle, Ratszimmer, sogar ein Wirtshaus: in der Bauernrepublik Dittmarschen. Kennen gelernt haben sich die Deutschen auf den Schlachtfeldern, beim Gegenseitig totschlagen.

Wo war ich stehen geblieben? Ach 1945. Da gabs mich vier Mal. Aber Adenauer wollte drei Teile für sich. Also kam die BRD. Kohl wollte den vierten Teil noch oben drauf. Blühen sollte ich – damit er seinen Samen los wird. Nee Kinder, ich hab so was von genug! Ich will nicht mehr. Staaten sind nichts für die Ewigkeit. Völker kommen auch und gehen wieder. Das einzige unsterbliche Volk sind die Juden, deren Vorfahren ist das unter Eid zugesagt worden. Aber nicht mir. Meine Empfehlung: Erlaubt nicht die Beihilfe zum Suizid, den soll doch keine/r machen müssen. Erlaubt stattdessen den Suizid von Staaten! Liebe liebe Deutsche, es geht euch gleich besser ohne mich. Glaubts mers.

Der Abgesagte 4 (1)

Alle reden von Weihnachten – was ist das? Ich kenn nur „Weihnachtsmarkt“. Spaß. Aber der ist verboten. Also der Weihnachtsmarkt. Ist das durchdacht? Was ist mit Berufen, die ganzjährlich nur davon leben? Wie Weihnachtsmann, Glühweinkoch, Pelzmanteltaschendieb. Auch mancher Terrorist steht vor dem Nichts. Wir hören mal rein:

Ich fass es nicht. Ein ganzes Jahr Arbeit umsonst.

Im Februar als erstes mal die Finanzierung geklärt. Reiche religiöse Großfamilie? Gibts nicht so viele. Meine hieß irgendwas mit „Q“, Al Quandt oder so. Deutsche Namen, Bruder, ich sags dir. Aber ist nicht mehr wichtig. Im März die Weihnachtsmärkte brüderlich aufgeteilt. Im April den Laster gebucht. Im Mai ausgekundschaftet, weils da wärmer war. Das ungläubige Treiben kannst du auch auf Youtube gucken, Bruder, einfach mal statt „Hinrichtung“ eingeben: „Weihnachtsmarkt“. Im Juni Vorgespräche mit den wichtigen Medien. Ja Mann, die müssen jetzt auch drei Wochen Urlaub absagen und irgendwas Seriöses recherchieren. Die sind auch sauer.

Im Juli wurds dann richtig warm. Vor allem in meiner Hose, Bruder, so mollig, du verstehst mich schon. Hab ich da mal Plan B klargemacht: hundert Jungfrauen, das Upgrade. Gibts nur in meiner Moschee. Nee, falls was schief geht. Zum Beispiel die Großlimousine der Großfamilie fährt auf der Flucht gegen einen Brückenpfeiler. Oder der Staat erschießt mich lieber, als mich nach der Großfamilie zu fragen. Der Staat ist übrigens auch sauer. Angst macht CDU-Wähler. Was soll er jetzt nehmen? Das olle Virus hat schon selber Schiss, vor dem Impfstoff. Ich sag ja: null durchdacht das Ganze. Da klaffen Lücken. Da kann jeder kommen jetzt. Nimm einen Eierkopf, schreib „Querdenken“ drauf und die Merkel zittert wie Eskenlaub.

Okay, so schlecht sind die Quer-Jungs gar nicht. August bis Dezember: Querdenkerdemos. Eins haben die geheckt, Bruder: Geradeaus denken und Deutschland, das wird nix mehr. Ich sag ja: Deutschland braucht den Wumms.