Die Einzigartige 4 (1)

Seit 18 Jahren lebe ich in Maintal bei Frankfurt. Wer jetzt fragt „welches Frankfurt?“, den lachen wir aber mal alle aus, ODER? Nee, MAIN! Mit 18 Jahren ist der Maintaler Persönlichkeitsanteil von mir volljährig. Hat das Aufenthaltsbestimmungsrecht über mich. Und sagt: Mir bleibe hier wohne (falls die Frau einverstanden ist). Aber was sagt eigentlich Maintal dazu?

Vorneweg: Mit so einem muss ich Hochdeutsch sprechen. Sonst versteht der mich nicht. Insofern verstell ich mich von vorneherein, wenn ich mit so einem red. Der kommt hier an, hat vorher – jetzt verrat ich euch was – in Offenbach gewohnt, und denkt, er könnte hier dazugehören. Und hat noch gar nicht verraten: Welches Maintal? Vier Stück gibts: Hochstadt, Dörnigheim, Wachenbuchen, Bischofsheim. Das Letzte, brummt er. Na da gehts gleich weiter: Welches Bischofsheim? Rechts oder links vom Kreuzstein? Proletariat oder Kleinbürgertum? Ja, bei uns gibts die noch: Klassen. Natürlich gibt es die überall noch, aber bei uns wohnen zwei davon im selben Ort, im selben Ortsteil sogar. Wo also, der Herr? Aha, links vom Kreuzstein. Ja, wo ist denn dann Ihr Vorgarten? Hier fängt der Mensch beim Vorgartentor an und geht exakt bis zum SUV-Auspuff. Wie, Sie haben kein SUV? Moment mal, kein Auto? Aber Messer und Gabel haben Sie schon mal gesehen? Sie fahren Fahrrad, alles klar. Dann nehmen Sie sich bestimmt immer Ihre Vorfahrt und fragen gar nicht, wie der Autofahrer das ahnen soll. Sechs oder sieben Maintaler haben schon versucht ihn totzufahren. Zwei oder drei haben sich dafür entschuldigt, also bitte. Wie soll aus so einem ein Maintaler werden? Auf dem Bischofsheimer Friedhof vielleicht. Der wird demnächst erweitert, hat es den Anschein. Weil neben dem der Wald abgeholzt wurde. Wie ein Wald sieht übrigens der ganze Maintaler Wald nicht mehr aus. Da radelt der Mann hastig durch bis Enkheim, dort stehen noch Bäume. Dort ist er in Frankfurt, wo er hingehört. Wo er beinahe wohnt, wenn er mit dem Frankfurter Kulturamt spricht. „Einen Kilometer vor der Frankfurter Stadtgrenze“ lebe er, erzählt er denen. Zur „LiteraturSzene Hanau“ gehört er aber auch, neuerdings, im Internet. Also was jetzt? Hic Rhodus, hic salta! In Berlin, wo er ursprünglich herkommt, seien das, was hier Städte sind, Stadtteile, meint er. Das sei doch nicht so wichtig. Falsch. Du bist nicht wichtig. Hier ist man froh, dass man nicht anderswo lebt. Hier ist man stolz, von hier zu sein. Für die Frankfurter Eintracht darf man hier sein, ja, aber nur mit Friedhelm Funkel als Trainer. Der Klassenerhalt als Lebensaufgabe. Und wenn Bayern oder Dortmund spielen, bitte das „Schwarz weiß wie Schnee“ nur flüstern.

Ihm gefalle es hier. Er wolle nirgendwo anders wohnen.

Na also, geht doch. Vielleicht wird am Ende ja noch ein Mensch draus. Aber jetzt erst mal sechs Stunden vors Hochstädter Rathaus gestellt – bei Sonne, Regen, Hagel egal – und auf eine städtische Dienstleistung gewartet. Nach sechs Stunden dann ein Termin für nächste Woche und eine Woche auf die eventuelle Dienstleistung gefreut. Jawohl, so erwartet es die Stadt von ihren Bürgern. Wie, das gibts in ganz Deutschland nicht noch mal. Gratulation. Der Groschen fällt. So langsam kapiert es der Mann. (Am 26.9. ist übrigens Bürgermeisterin-Abwahl.)

Die Homothematische 5 (1)

Einmal im Jahr fahre ich nach Berlin. Der Grund ist: Ich wurde dort geboren. Zwanzig Jahre lang. Zwanzig Kilometer näher an Frankfurt liegt Paris, aber dort wurde ich leider nicht geboren. Also Berlin. Für mich kommt Berlin wie Weihnachten: alle Jahre wieder. Warum ich mit Stolz ein Fremder bin in der Stadt, mag verstehen, wer ihr mal zuhört:

Na klar, det eijene Nest beschmutzen. Det kanner. Wenn er ooch sonst nischt druffhat, weil: Sonst würd er ja HIER leben. Wo die Kreativen leben aus dem einfachen Grund: Die ham jehört, det hier die Kreativen leben, und jewusst: DA werd ick ooch kreativ, weil: Det färbt ab uff mich. Aber ick hörma janz schnell mit Berlinern uff, weil: Das tut man hier nicht. Hier wird English spoken. In Frankfurt reden die Leute Englisch, die kein Deutsch können. Hier redet der erste, der den Mund aufmacht, Englisch und alle hören zu, weil sie überlegen müssen, wie ihre Meinung auf Englisch geht. Das bildet. Zuerst mal die Meinung. Du hörst denen zu, die als erste reden. Und das werden ja wohl Erfahrungs gemäß die Schlauesten sein, ODER?

Als erste morgens aufstehen tun allerdings andere. Das Café, in dem du schreibst, hat eine Stunde später aufgemacht als dransteht. Und mit halber Besetzung. Die Bedienung, die gekommen ist, hat weniger erlebt letzte Nacht als die Kollegin, die nicht gekommen ist, obwohl sie es hätte sollen. Erzählt die Gekommene mit feierlicher Stimme einem Gast, der mitgefeiert hat gestern, weshalb die Bedienung mit ihm als einzigem spricht, auf Englisch natürlich, während sie die übrigen Gäste (wie dich) als Tote betrachtet, die sich in die postmoderne Situation ihres Cafés verlaufen haben. Mitleid mischt sich in ihre Stimme, der Gast hat das Wichtige nicht mitgekriegt gestern, weshalb es ihm in ekelbitterem Tonfall erzählend erklärt wird. Immer noch besser als Kunden zu bedienen, die man nicht kennt und die einen auf Deutsch anschweigen.

Ich weiß, was du jetzt denkst: Die Bedienung ist gestern zu Recht übriggelieben. Schäm dich. Wie altmodisch du denkst. Als könnte es einer Frau darum gehen, einem anderen Gender zu gefallen oder mehreren. Das interessiert keine*n mehr. Das ist das alte Konzept von Ich guck dich an und hör dir zu, weil ich nichts aussehe und nichts reden kann. Schau dich bitte mal um. Das sind alles Luxuskörper mit premium proportions & propositions. Von denen hat keine*r Zeit irgendwem zuzuhören oder -zugucken. Da gehts um performance. Um presence. Um pride. Das sind Statements.

Der Tote auf dem Bürgersteig liegt neben zwei frischen Bananen. Statement: Ich lebe noch, auch wenn mein Geruch die Verwesung von so manchem bereits beinhaltet. Die junge hübsche Frau auf Streichholzbeinen wie eine Auschwitz-Überlebende. Statement: Ich interessiere keinen und weiß es. Der Afrodeutsche, der in den Achtzigern Star des Bundesliga-III-Aufsteigers Viktoria war und den heute keiner mehr kennt in dem Verein. Statement: Stirb rechtzeitig.

Hinterbleiben werde ich, an welchem Grab auch immer. Junge Israelis empfehlen mich im Fernsehen. Wenn sogar meine Opfer mich lieben, muss ich nett sein. Denkste. Weeßte nur nich. Sollste denken und machste. In mir immer nur das Neueste. Das gilt auch für Meinungen. Wurst oder Burger? Du hast die freie Wahl. Nimm die vegetarischen Varianten dazu und du hast das volle Spektrum. An der Topographie des Grauens gibts die „Mauerwurst“. Am Holocaustmahnmal demnächst den „Holoburger“. Ja, Freunde, das bin ich! Ein Orakel ohne Mitteilung. Eine Sphinx mit zwei Hinterköpfen. Allegorisch betrachtet bin ich ein Kadaver. Mein zweiter Körper sind Maden, die mich lückenlos bedecken. Irgendwann bin ich weg, aufgebraucht. Dann werden die Maden wissen, was sie ohne mich sind: kein Kolumnenthema.

 

Die Gewandelte 5 (1)

Der Klimawandel ist das größte Problem, das wir haben. Sagt meine Frau und klingt wie eine Schuhverkäuferin. Ich will ja auch kein größeres. Ich bin zufrieden mit dem Klimawandel. Eine Lösung weiß ich nicht und ins Schwitzen bringt mich das Problem auch. Ich finds nur nicht mein größtes, sage ich. Was ist denn dein größtes? fragt sie. Du bist das, sage ich. Oder genauer: unsere Ehe. Da hebt auf einmal – aber das glaubt mir keiner – das Klima persönlich an und spricht zu mir Folgendes:

Ich bin das Klima, dein Problem. Du sollst keine anderen Probleme haben neben mir. Du brauchst auch keine anderen. Ich bin alles Schwierige in einem. Darum bin ich auch deine Frau. Mit wem bist du auf Gedeih und Verderb liiert? Mit wem teilst du dein Haus und dein Leben? … Ja doch, du hast kein Haus. Deine Mietwohnung halt. Ein Leben wirst du ja vielleicht noch haben. Sei nicht spitzfindig, wenn es ums Große und Ganze geht. … Wer trägt dich? Wer erträgt deine Launen, ja, sogar deine toxischen Absonderungen, so lange sie irgendwie noch erträglich sind? Wer bereitet dein Haus … lass mich in Ruhe mit deiner Mietwohnung! … wer bereitet das gemeinsame Haus zu einem Treibhaus, in dem Mensch, Tier und Pflanze gedeihen? Denn der Treibhauseffekt ist ursprünglich ein natürlicher, ja, der Grund dafür, dass es auf dem Planeten Ehe Leben gibt.

Ich bins, sagt das Klima, alias meine Frau. All das bin ich. Und irgendwann hast du bemerkt: Ich verändere mich. Ich bin nicht mehr so brav, so planbar, so angepasst, wie du es von mir erwartetest. Es kam zu Extremereignissen zwischen mir und dir. Du lechzestest nach einem kühlen Tropfen, da ich meine Sonne auf dich herniederbrennen ließ. Du wurdest nass wie ein Paddel, da dich meine Wasser überfluteten. Du fragtest dich: Warum ist sie auf einmal so anders zu mir? Ist das ein natürlicher Vorgang, oder ist er Menschen gemacht? Dreimal darfst du raten, und welcher Mensch die Ursache davon ist, verrate ich dir auch. Mal ehrlich: Im Grunde hast du an meiner Veränderung erst gemerkt, dass ich noch da bin. Ich war so selbstverständlich gut zu dir, dass du mich einfach vergessen hast. Du bist in den Süden gefahren, hast anderen Klimata schöne Augen gemacht. Und über mich hast du dich nur beschwert. Angeblich hätten deine Vorfahren mich dir ausgesucht. Du hättest eine Wärmere genommen, wärest du bloß gefragt worden. Aber ich kann auch heißer, wie du jetzt weißt. Du pfeifst aus der letzten Bronchie, die noch arbeitet, lässt die Rollläden knallen, hockst im Finstern. Und denkst nostalgisch an unseren Sex bei Wind und Regen, mit Gänsehautgarantie. Hast du dich jemals gefragt, warum die weltweit größte Expertin für mich ein schwedischer Teenager ist? Ich wollte als Teenager eine Schwedin sein und bin ständig da hingefahren. Na, macht es klick?

Und jetzt verrate ich dir mal, warum ich dich wollte. Mich rettet nur einer mit Ideen, mit Einfällen. So einer bist du, dachte ich. Beziehungsweise musst du jetzt werden, denke ich. Ich will von dir zu jedem Geburtstag einen Strauß neue Windrädchen! Ich will statt in deinem SUV auf deiner Lenkstange mitfahren. Ich will tote Flugzeuge zum Frühstück, einen plastikfreien Ozean zu Mittag und Abendessen will ich im Speisesaal unseres Genossenschaftshauses mit Solardach! Und deine destruktiven Emissionen kannst du stecken lassen, die erlaube ich dir einfach nicht mehr. Sonst sitzt du ganz schnell mit Elon Musk im Raumschiff und darfst dir eine Neue suchen zum Vergiften.

Jetzt ist es raus 5 (1)

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Der Salatgeflüchtete 5 (1)

Bei meinem Sohn liegen die Zahnhälse blank. Und bei mir die Nerven, weil: Der Zahnarzt traut sich nicht, meinem Sohn die Ursache für Zahnfleischschwund zu verraten. Mir glaubt der Sohn eh nichts. Also wer sagt es ihm? Ich habe Kolumbus gebeten. Der kennt sich aus. Und den Namen könnte mein Sohn schon mal gehört haben.

Junge, hör mir gut zu. Falls ich etwas undeutlich spreche – ich habe keinen einzelnen Zahn mehr. Womit wir schon beim Thema sind: Zahnfleischschwund. Ich hatte ihn. Und ich kenne seine Ursache: Vitaminmangel. Okay, wir haben noch „Salatmangel“ gesagt. Und kriegten davon die „Seemannskrankheit“. Ihr sagt Skorbut. Aber wir haben die Krankheit erfunden – vielleicht das Einzige, was wir gefunden haben. Du sagst Amerika? Du nennst uns Entdecker und Eroberer? Dann hör mir mal gut zu, du Antigrünschnabel.

In Wahrheit wollten wir damals drei Dinge: lange aufbleiben, kein Tageslicht und keinen Salat. Wir waren jung, du verstehst. Salat war der Hauptfeind, weil: Er schmeckt einfach nicht. Wir wollten dahin, wo Salat nicht wächst. Also fuhren wir zur See. Was allerdings fünftausend Jahre lang bedeutet hatte: Du fährst an den Küsten entlang. Irgendwann kommt der nächste Hafen, da legst du an – und hast wieder den Salat. Und noch was Viertes, was wir nicht mochten: Frauen. Gegen die hatten wir quasi die Ableitung einer Abneigung: Frauen sind gegen langes Aufbleiben. Frauen lassen Tageslicht in dein Zimmer. Und Frauen bereiten Salate zu. Häfen waren also gefährliche Orte für uns, dort lebten Frauen. Auf unseren Schiffen dagegen nur Jungs. Jahrhunderte lang hatten wir Seeleute den Ruf, die schlimmsten Pickupper und Flachleger zu sein – alles Quatsch. Die Frauen haben auf uns gewartet, weil sie uns die drei Sachen beibringen konnten. Den anderen Männern hatten sie es ja schon.

Irgendwann war es genug. Wir sind auf den Atlantik ausgewichen. Da gabs keine Häfen und somit endgültig keinen Salat mehr. Es war das Paradies für richtige Jungs. Du bist runter in deine Kajüte, der Rollladen vor dem Bullauge war immer unten (rund war der – hätte sich gar nicht aufwickeln lassen) und keiner ist gekommen, bis du alle Kills gemacht hattest, die du wolltest in jener Nacht oder an jenem Tag, den Unterschied gabs nicht mehr. Kartoffelchips waren noch nicht erfunden – Problem! Zu denen fehlte noch eine Zutat. Aber russische Eier geht auch („Ei des Kolumbus“) oder altes Brot, und wenn das alle ist: Zwieback. Wir wussten natürlich: Die Zutat muss schleunigst gefunden werden. Ohne Kartoffelchips geht jedes Paradies zum Teufel.

Leider kam dann der unglückselige Tag – und an ihm dieses Land in Sicht. Ich spreche seinen Namen nicht aus, mir ist schon schlecht, wenn ich an die Optik zurückdenke: Strand, Steine und oben drauf – ganz viel Salat. Die Völker, die wir kennenlernen mussten, waren aufs Engste mit dem Salat und jeglichem Grünzeug verbunden, was ehrlich gesagt so den Hass in uns erzeugt hat, dass wir sie später ausgerottet haben. Wenigstens eine braune Sache erhielten wir von ihnen: die Kartoffel. Trotzdem. Sieh dich doch mal um auf der Welt. Was hat unsere damalige Salatflucht im welthistorischen Sinne gebracht? Imperialismus, Globalisierung, Völkermord, Sklavenhandel, die Börse (unsere Expeditionen waren die ersten Risikoanlagen), Rassismus, Spanisch als zweite Fremdsprache (als ob Deutsch nicht schon fies genug wär) … sag mir, wann ich aufhören soll. Ach ja – und Zahnausfall. Mir hats den gebracht.

In fünfhundert Jahren, glaub mir, hast du Zeit für so manchen selbstkritischen Gedanken. Dein Vater hat schon den Richtigen beauftragt. Ich sage es dir im Guten, mein Junge: Iss Salat. Geh schlafen, wenn du müde bist. Und zieh, wenn du aufstehst, den Rollladen hoch. Und eine Frau ist überhaupt das Beste. Mach es nicht wie wir damals. Am Ende hast du keine Zähne mehr, aber irgendwas entdeckt und damit fünfhundert Jahre Elend über die Menschheit gebracht.

Hölderlin und die Frühromantik 0 (0)

© Ewart Reder

Sendetipp von Radio X, Ffm:

Mittwoch, 2. Juni von 15 – 16 Uhr

WortWellen

Noch einmal ist Hölderlin zu Gast bei den WortWellen. Wir dokumentieren eine Veranstaltung der Frankfurter Hölderlinwoche im September 2020, –  die ein Monument des VeranstalterInnenmuts vor der dritten C19-Welle war, Hoffnungszeichen für einen wiedereinsetzenden Herzschlag der öffentlichen Kultur. Professor Luigi Reitani, Universität Udine, fragt nach frühromantischen Beziehungen des Solitärs Hölderlin. Wer das für ein akademisches Thema von gestern hält, dem hält Tim Leberecht in der Süddeutschen Zeitung vom 14. September 2015 Folgendes entgegen: “Die total technisierte Gesellschaft braucht Romantik. Mit Algorithmen und Apps wollen wir unser Leben verbessern. Doch dieser Optimierungswahn entzaubert unsere Welt.” Es sei denn, wir erleben folgendes Kunststück: Ein Gelehrter, der unsere Sprache wie blank geputztes Tafelsilber benutzt, rückverzaubert uns mithilfe des Verstandes.

Livestream des Senders: www.radiox.de/live