Wozu bin ich hübsch? 0 (0)

Mittwoch, 2. Februar von 15 – 16 Uhr 

Montag, 7. Februar von 16 – 17 Uhr (Wdh.)

WortWellen

Verlorene Fragen treiben auf der trüben Suppe. Aber sie kann trotzdem schmecken und wer will verlorenen Bildern nachtrauern nach einer tiefer unter der Schürze genossenen Wärme? Aber was wird aus mir? Bange Fragen bilden sich neu, steigen an abkühlende Oberflächen. Und was machen sie außer bange?
Die Pandemie hat junge Menschen besonders tief getroffen, verwundet. Sich schützen ist okay, einen anderen Menschen schützen kann das schönste Beginnen sein. Aber was wird aus einem Leben, das noch nichts erfahren hat außer schützenden Aufschub? Das Schönste kann daraus immer noch werden. Sagen zwei Poetinnen, denen ihr heute zuhört, deren Bücher unter eurer Schürze schlagen wollen wie zwei Schwesterherzen: Marica Bodrožić: Pantherzeit (Essay), Safiye Can: Poesie und Pandemie (Gedichte)

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© Ewart Reder

Weihnachten im Schloss Bellevue 0 (0)

FWS aus einem Fenster seines Schlosses blickend:

Ihr naht euch wieder, schwankende Gestalten,

mit denen ich Hartz IV dereinst ersann.

Klappts diesmal wohl, die Macht so festzuhalten,

dass die Agenda ewig knechten kann?

Den Gerhard gibt der Olaf gar nicht schlecht,

bei dem ist wenigstens die Glatze echt.

Und einen Oskar wirds diesmal nicht geben –

die Börse jauchzt! Hoch solln die Kurse leben!


Nur was bin ich? ICH war doch der Erfinder!

Agenda 2010 - das ist MEIN Baby doch!

Hartz IV, Irakkrieg, Rentenschmu nicht minder –

ich fall grad in ein Selbstwahrnehmungsloch …

Beim Bund war ich am Ende fast Feldwebel.

Als Mann hab ich wie alle einen Hebel,

allein – nicht vorn, wie der normale Macker,

nur hinten, weil: ICH BIN EIN NÜSSEKNACKER!
Geräusch von einem Schlüssel im Schloss
Ein Schlüssel dreht im Schlosstürschloss,

Besuch erhält der Bundesboss.

Rot ist der Mantel, weiß der Bart:

Soziale Demokratenart.

„Hey Alter“, sagt der Rote, „Fang

zu reden an. Wird eh noch lang.

Stiehl uns die Zeit nicht und die Gans,

sei, Fuchs, der rechte Phrasenglanz!“
Hoho, das hätt ich glatt verpennt!

Frank Walter zu dem Mikro rennt:
Lieber Bürger, liebe *In,

merkt ihr auch, wie froh ich bin?

Es ist Weihnachten: Ich sprech

PFEFFERKUCHEN - GROSSES BLECH!

Und wie immer fragt ihr euch:

Wie kommt einer auf so Zeug?

Heut an diesem schönen Ort

sag ich euch das Lösungswort:

PRÄSIDIALAMT! So viel Freud

kommt nur von der Teamarbeit.
Die Politik, die keiner will,

rührt an für mich ein Dr. Phil.

Ein Pfarrer schmeißt die Butter rein,

ein Volkswirt darf die Zahlen streun.

Die Nüsse tu ich selber knacken,

ein Informatikdoktor muss sie hacken.

Corona gibt die Angstaromen,

die Wissenschaft hilft mit Atomen,

ein Dichter lügt die Armen reich,

ein Psychologe knetet weich,

der Koch schiebt rein, der Ofen bäckt

und meine Elke holt den Sekt.

Hey, so geht Weihnachtsbäckerei!

So easy jedes Fest vorbei

und jede Chance. Und jedes Leben.

Drauf lasst uns froh die Gläser heben!

Die Verkennbare 5 (1)

Nach einem Jahr Pause hat die Frankfurter Buchmesse wieder stattgefunden. Hat sie? Klar, stand in der Zeitung. In der, wo Redakteurinnen ihre Artikel im Bett des Chefredakteurs schreiben müssen? In ALLEN Zeitungen stands, du Missbrauchsopfer! Die Buchmesse: Wo die ganze Welt in 20 Hallen über Bücher redet, die sie nicht gelesen hat? Nun, der Hallen waren es diesmal DREI. Was weiß denn ich, vielleicht ist die Welt kleiner geworden. Himmel, weiß echt KEINER, ob die Buchmesse stattgefunden hat? Wir fragen eins, das dagewesen sein müsste, wenn. Wir fragen das Buch:
Ja gut, ich war da. Sonst weiß ich nicht. Samstag Morgen um elf fegten die Steppenhexen über die Agora. Das Lesezelt war ein Sehfehler: Seine Buntheit hat sich mir in den vergangen Jahren so ins Hirn gebrannt, dass es wieder vor mir stand. Obwohl es eingespart wurde. Wie der komplette Hörbuchstand. Wie die Shuttles, mit denen ich so gerne gefahren bin. Wie die Computer für Journalisten. Wie die Antiquare. Wie die Duftöl- und Räucherstäbchenstände. Wie die … okay, ich hör auf. Schneller geht, was da war: Politiker, Polizei, Populisten- und Naziverlage, Poplig Rileischen oder wie das Gezappel heißt. Pop, Traian, der Edelparkett-Verleger aus Ludwigsburg, konnte nicht kommen wegen Corona kurz vor seinem siebzigsten Geburtstag. Ungefähr siebentausend weitere Verleger fehlten auch. Frag mich aber nicht, WEM. Mir nicht, hätt ich fast gesagt.
Es war fürchterlich, was immer es genau war. Hinter dem Messezaun wurde Frankfurt gesichtet, aber zu mir in eine Lesung durfte keiner, es sei denn, er hätte einen Dateneingabewettbewerb gewonnen und den Hauptgewinn, ein Elektroticket, nicht anschließend an das diesjährige Ehrengastland Datanirwana verloren. Ich hab mich verlassen gefühlt. Stand nachts frierend auf meinem Bord und hab mich gefreut, wenn morgens die Standbeleuchtung anging. Hab keinen meiner Nichtleser wiedererkannt, weil alle maskiert an mir vorbeiliefen. Nicht mal den Umsonstkaffee am taz-Stand gab es, für den die Leute immer so lange angestanden sind, dass sie fünf Seiten von mir aus dem Lautsprecher der benachbarten Leseinsel der unabhängigen Verlage mitanhören mussten. Die fünf Seiten ihres Nichtleserjahrs!
Einen, der praktisch immer liest, hab ich gehört von meiner Insel aus: den Dielmann, Axel, fröhlichen Bücherdealer aus dem Frankfurter Süden. Das lässt sich auch nicht vermeiden bei der Laune, die der aus seinem protzigen Verlagschalet pustet, aus einem Organ, das Wert darauf legt, kein Verhältnis mit seiner Körpergröße zu unterhalten. Mir ist wohler, wenn gelacht wird. Geradezu wohlig wird mir, wenn ich gekauft werde. Am allerhochwohlsten ergeht es mir aber, wenn eine meinetwegen schnapsrote Nase in meinen Seiten steckt und wenn dann aus verständnisvollen Augen Tränen der Seele oder des Zwerchfells auf mich hernieder tropfen. Dann bin ich, wozu ich tauge. Dann tue ich, was ich kann. Dann lebe ich und bin kein Gerücht mehr und keine Geschäftsidee unbelesener Vertriebsmenschen.
Zuletzt treffe ich Nicely, Catherine, den Büchervulkan aus Berlin Wilmersdorf, und weiß nach drei Sätzen von hinter deren Maske: Jawoll! Das, was die Frankfurter Buchmesse wirklich ist, hat stattgefunden. Du sollst deine Mütter und Väter ehren, knirsche ich durch meinen eingeschweißten Deckel, auf dass es dir wohl ergehe und du noch viele Nichtleser überlebst. Ehre sei ergo den Verlegenden!

Der Wahlversager 0 (0)

Die Bundestagswahl ist geschafft. Alle Kanäle quellen von Siegerbildsequenzen über. Die Auswahl an Koalitionen ist Schwindel erregend im doppelten Wortsinn. Beim Zappen treffe ich den Wähler mutterseelenallein vor einer Kamera. Er soll zum Wahlausgang Stellung nehmen. Er nimmt sie:

Der heutige Wahlabend ist ein schwarzer Abend für mich. Also dunkel – nicht schwarz in dem Sinne. Meine Niederlage gilt es unumwunden einzugestehen. Das gebietet die Demut. Ich habe die Wahl verloren, gar keine Frage.

Sechzehn Jahre des Werbens um meine Einsicht waren umsonst. Ich habe die Bundesregierung nicht verstanden. Und das, obwohl Mutti extra langsam mit mir gesprochen und ihr Ablöser sie an Gedankentempo noch untertroffen hat. In der Folge bin ich hoffnungs- und führerlos dem Treiben unbekannter Mächte ausgeliefert. Es ist wie das Ende des Schwarzweiß-Fernsehens, an das ich mich noch traumatisch erinnere: Lauter bunte Farben brechen über das Land herein, paaren sich am hellen Tage miteinander. Als hätte es ein 1957 mit absoluter Mehrheit für die CDU/CSU nie gegeben.

Ich habe halt keine Ahnung von Politik. Und das hat die CDU/CSU unnachsichtig bestraft mit dem Rückzug von ihrer Macht über mich. Zwar redet sie mir noch gut zu, behauptet, am Brunnen vor dem Tore da stehe ein Lindner und träume für mich einen süßen Traum von Jamaica. Aber den verdiene ich nicht. Ich habe einen glasklaren Regierungsauftrag erteilt, und zwar an die Geldwäscherei Scholz & Warburg in Hamburg, Zweigstelle Berlin. Wer so was macht, hat das Vertrauen der CDU auf Jahrzehnte verspielt und keinerlei Anspruch mehr auf ein Bankkonto bei irgendeiner Deutschen Bank.

Auch das Lob dafür, dass ich die Linke halbiert habe, verdiene ich nicht. Denn meine linken Leihstimmen für SPD und Grüne haben der CDU erst den Todesstoß versetzt. Und das Allerperfideste an mir bei meiner Leihstimmenkampagne war: Die erwartbare Politik einer neuen Rotgrün geführten Bundesregierung (mit Hepatitis L) wird den Stimmenanteil der Linken bei der nächsten Bundestagswahl verfünffachen! Abgesehen davon, dass die Linke ab sofort vier Jahre lang die Oppositionsrolle alleine spielen darf, ohne von einer anderen Partei darin gestört zu werden.

Fazit: Ein Wähler, der sich derart gravierende Wahlschnitzer erlaubt, hat das Recht auf die politische Mitwirkung der Parteien an seinem Wahlzirkus verwirkt und wird zu vier Jahren politischer Untätigkeit verurteilt.

Der letzte Modernist 0 (0)

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Gabriel Josipovici © Ewart Reder

 

Mittwoch, 6. Oktober von 15 – 16 Uhr

WortWellen

Einer leicht phantasielosen Begrifflichkeit zufolge leben wir in der Postmoderne. Davor lebten wir in der Moderne. Das Einzige, was unsere Epoche mit ihrem Namen über sich aussagt, ist also, dass sie nicht mehr „modern“ ist. Und wer sich mit den Begriffen beschäftigt, stellt fest, dass dahinter zwei Programme stehen. Die Moderne gilt heute als utopisch, engagiert, revolutionär und einfacheren Gemütern auch als ’schwierig‘. Dagegen wollte die Postmoderne eine neue Leichtigkeit setzen. Anything goes. Close the gap and cross the border. Mit diesen Parolen wollte man den Unterschied zwischen Kunst und Unterhaltung (vgl. unser Septemberthema) zuschütten, um eine neue Massenkultur (die Popkultur) zu schaffen. Bei vielen interessanten Ergebnissen des Projekts fällt auf, dass die Literatur seitdem vor allem eins geworden ist: konventioneller. „Pappmascheeromane“ nennt der Protagonist von Gabriel Josipovicis Roman „Wohin gehst du, mein Leben?“ die Bücher, mit deren Übersetzung er sein Geld verdient.

Womit der Gegenstand unserer heutigen Sendung benannt ist: Gabriel Josipovici. Der britische Autor hat, weitgehend unbemerkt von der deutschen Leserschaft, eine lange Reihe meist kurzer Romane geschrieben. Und die sind unverdrossen modern. Josipovici veröffentlichte auch ein längeres Essay, das nach den Gründen fragt, warum das moderne Literaturprogramm von den meisten Autor:innen verlassen wurde: „What Ever Happened to Modernism?“. Wir werden uns in einer späteren Sendung damit befassen. Heute geht es um „Wohin gehst du, mein Leben?“, den aktuell einzigen Josipovici-Roman , der auf deutsch lieferbar ist (Jung&Jung). Sowie um zwei weitere Romane des Meisters, auf englisch erhältlich. WW-Redakteur Ewart Reder und sein Gesprächspartner Axel Dielmann, Verleger und Schriftsteller aus Frankfurt, outen sich als Josipovici-Gourmets und -Fans. Im Gespräch über drei seiner Romane wollen sie das Geheimnis des literarischen Einzelgängers anfassbar machen. Wenige Tage vor der Buchmesse sind außerdem spannende Neuigkeiten aus dem Axel Dielmann – Verlag zu erwarten. Many things, go!