“Per Ursulam ad Astra” (Seneca) 5 (1)

Die „offene Gesellschaft“ (Popper) erzeugt Vielfalt. Im Supermarktregal steht Qualität einträchtig neben Pfusch und akzeptiert es, unverkauft stehenzubleiben. Erzählt der Impfstoff von AstraZeneca:

Ich denke positiv über Krankheiten. Ich entspringe ja auch einer Liebesehe. Ein zweitklassiger Philosoph und ein erstklassiges Billigauto haben mich gezeugt. Meine Kindheit war glücklich. Ich musste nichts können, ich wurde einfach so geliebt, wegen meiner Billigkeit. Als ich auf den berühmten Mittagsmarkt von Brüssel kam, war BiontechPfizer zwanzig Mal teurer als ich. Für das Zeug sollte die EU exakt dasselbe latzen, um was der internationale Fonds Covax erfolglos bettelt, um damit die ganze Welt zu impfen: 27 Milliarden. (Und zwar Euro, für die Welt reichen Dollars.) Gesundheiten haben eben unterschiedliche Preise. Nordamerika wird aktuell fünfzig Mal schneller geimpft als Afrika. Europa dreißig Mal schneller. Südamerika immer noch zehn Mal schneller. Aber nicht traurig sein, Afrika. Ozeanien ist noch wertloser als du.

Mal Hand auf die Lunge, Leute: Gegen das Karnevalszeug aus Mainz bin ich Volkseigentum. Ich koste, seit die mit ihrem Preis siebzig Prozent runter gegangen sind, noch immer kein Siebtel von denen! Okay okay, ich kann nix. Ja gut. Aber was nützt dir der Lamborghini in der Garage vom Nachbar? Eigener Astra und basta. Du hast das Recht, die Welt durch eine Windschutzscheibe zu betrachten. Fahren sollen ruhig die Anderen. Warte nur ab, für die steht schon hinter irgend so einer Kurve der Straßenbaum und dann wars das mit der Ungerechtigkeit. “Nicht, lange zu leben, soll unsere Sorge sein, sondern hinreichend.” (Seneca). Europas Geldbeutel reicht für einen Opel Astra und für mich nicht nur hin. Zurück auch noch reicht Uschis Eurobrieftasche für mich! Ich bin billig und krasser Weise lasse ich mich auch noch in Lizenz produzieren. Doch, für euch mache ich das.

Da muss aber dann auch mal Schluss sein. Was wollt ihr denn noch? Dass überall ausreichend Impfstoff produziert wird? Dass überall nur der wirksamste produziert wird? Dass alle Menschen, die es wollen, damit geimpft werden? Ja klar, das wäre dann Planwirtschaft. Vernunftterror wäre das. Könnte euch so passen, ihr triefnasigen Simulanten, dass wir unsere schöne Freiheit und Vielfalt auf dem Altar eurer langweiligen Gesundheit opfern! „Freiheit ist die Freiheit Verbrechen zu begehen, schlimme Dinge.“ Schon mal gehört? Ohne den Schluck Nietzsche aus Onkel Rumsfelds Feldflasche kriegt die Ursula von der „Leihen ist billiger als Heiraten AG“ ihre „Sir Popper‘s offene Kekstüte“ gar nicht runtergewürgt, ihr philosophischen Hilfsgourmets, ihr Gesundheits-Mantrafahrer! Und ich sag euch noch was: Lizenzen für mich vergebe ich bis zu dem Tag, an dem der letzte Qualitätsdealer vom Markt verschwunden ist. Nicht einen Tag länger. Und dann freu dich auf meine Preise! Ja was denkst du, so geht Marktwirtschaft. Oder hast du dich noch nie gefragt, warum das einzige Computer-Betriebssystem für Normalmenschen auf dieser Welt ein überteuertes Museum für dreißig Jahre alte Programmierfehler ist?

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Ich bin der Welt abhanden gekommen 5 (2)

Ich bin der Welt abhanden gekommen,
Mit der ich sonst viele Zeit verdorben,
Sie hat so lange nichts von mir vernommen,
Sie mag wohl glauben, ich sei gestorben!
Es ist mir auch gar nichts daran gelegen,
Ob sie mich für gestorben hält,
Ich kann auch gar nichts sagen dagegen,
Denn wirklich bin ich gestorben der Welt.
Ich bin gestorben dem Weltgetümmel,
Und ruh’ in einem stillen Gebiet!
Ich leb’ allein in meinem Himmel,
In meinem Lieben, in meinem Lied!

Friedrich Rückert (1821)

 

Wer sie nicht kennt, die Hammermusik, die Gustav Mahler dazu geschrieben hat:

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Gut Wirt 0 (0)

An dem Tag, an dem eine befreundete Künstlerin mir erzählt, dass das Bild, das ich so bewundert habe, von ihrer siebenjährigen Tochter gemalt wurde (auch noch einer Bob-Ross-Schülerin – die braucht ihren Lehrer nicht mehr!), an dem Tag malt ein sechsjähriges Mädchen das vor meine Füße, weil ihre vierjährige Schwester es unbedingt will. Schnell hingehen muss, wer das Werk noch vor dem nächsten Regen oder Schnee sehen will: Schlosshof Langenselbold.

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Langenselbold unter Wasser 5 (3)

Auf der gleichen Höhe zwei Kilometer weiter guckst du über den Versuch verschiedener Bäche und des südhessischen Flusses Kinzig ein Weltmeer zu werden. Alles ist eins geworden. Keine Landansprüche zwischen den hundert Seen und Strömungen haben länger Bestand. Drei Wege östlich raus aus Langenselbold ins Kinzigtal, das sich hinter dem Ort öffnet, führen durch Senken, in denen das Wasser kniehoch steht auf 80 bis 250 Metern. Führen in ein neues Flussdelta. Führen zu Music-Society und zu den sich verzweigenden Texten der Kategorie “Literatur”.

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Das Verkannte 0 (0)

Diskriminierung gibt es auch im Haushalt. Auf Tuchfühlung gehen Menschen und Dinge selektiver, als man meinen sollte. Ein Geschirrtuch packt aus: 

Schon mal die Reihenfolge: Das Badetuch kommt immer zuerst. Ungeduscht machen die beiden in der Küche keinen Handschlag. Und gekuschelt wird da noch, wenn die längst trocken sind, einfach so. Weil das Hochwohlriechende ja soo flauschig ist.

Dann die Zuständigkeiten. Ich bin ehrlich: Mit der Chefin hätte ich auch gerne mal Nacktkontakt. Genau genommen kenn ich nicht mal ihre Hände. Die halten mich, okay. Aber getrocknet wollen sie von mir nicht werden. Dafür gibts das „Händehandtuch“ (haben die Brüder Grimm das Wort wirklich kommen sehen??). Ich trockne immer nur Gebrauchsgegenstände, an hohen Feiertagen der Nachlässigkeit meiner Chefin vielleicht mal ne Arbeitsfläche. Kurz drüber – und weggehängt. Wobei dann gleich das Händehandtuch aufheult von wegen „da kann man jetzt keine Gläser mehr trocknen mit“. Klugscheißer. Wenn die Chefin wüsste, was der Mann mit dir Dreckding anstellt: Schuh drauf und den Boden gewischmobbt. Aus wärs da mit den zwei „Händen“ im Handtuchnamen, aber sowas von!

Womit wir bei den Beziehungen sind. Ich bin im Grunde die Mitte des Ehe-Kriegsschauplatzes. Ja kuckma: Der Mann macht doch im Haushalt nichts außer das mit mir. Das hat er „übernommen“, damit die schweren Sachen an der Chefin hängen bleiben. Der nimmt mich vom Haken wie die EU den Fisch, den sie vor Afrika klaut: platzend vor Lachen, wie billig dass er wegkommt. Und danach kuckma genau hin, was er macht. Er nimmt trockenes Geschirr aus einer Maschine und stellt es an großenteils sinnfreien Plätzen der Küche wieder ab. Braucht er dazu ein Trockentuch?, frage ich. Vielleicht um sich die Augen zu verbinden wie beim Topfschlagen, damit sicher ist, dass nicht aus Versehen ein Teller mal am richtigen Platz landet. Aber sonst? Der hängt sich mich über den Unterarm, sag ich dir, wie so ein bekloppter Servierkellner, den er vielleicht bei der Sinnlosigkeits-Olympiade in der Disziplin Handtücher missbrauchen besiegen will. Rum schmeißen tut er mich, wenn ihm langweilig ist. Fehlt noch, dass er sich einen Korb an die Küchenwand schraubt. Der Mann ist doch total überfordert mit sinnvoller Hausarbeit.

Ich weiß nicht, wo die Chefin ihre Augen hatte, als sie den hat Probe trocknen lassen. Aber so isses. Frauen wählen ihr Unglück, auch wenn das Glück direkt am Nachbarhaken hängt.

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An den Bundespräsidenten 0 (0)

Alfred Statler verabschiedet sich präsidentiell vom schlechten Gewissen.

In unserer Familie ist es Tradition, die Weihnachtsansprachen anzuschauen. Normalerweise bleibt bei mir absolut nichts hängen. Bei meiner Mutter, die meist das gemeinsame Anschauen der Aufzeichnung durchsetzt, geht es wohl auch eher um das Zusammensein und die weihnachtliche Stimmung und nicht um die Inhalte, insofern hat sie wahrscheinlich die Reden besser verstanden als die, die versuchen, aus den Worten irgendwelche Informationen zu gewinnen.

Dieses Jahr war es allerdings alles etwas anders. Ich erwische mich immer wieder dabei, dass ich über die Rede nachdenke und ich stelle mir immer wieder eine Frage:

Darf ich das auch?

Ich hatte bislang nämlich etwas schlechtes Gewissen, weil ich, obwohl es der TÜV angemahnt hat, die Bremsen an meinem Auto nicht gewechselt habe, dann habe ich auch noch die Sommerreifen drauf. Aber jetzt denke ich, nicht so schlimm.

Wenn ich beispielsweise im Schnee ins Rutschen geraten sollte und dann einigermaßen wuchtig die Kurve verfehle, durch ein paar parkende Autos durchknalle und ein Stück hinter dem Gartenzaun im Rosenbeet von Frau Maier lande, könnte ich dann locker aus dem Auto aussteigen und staatsmännisch erklären:

„Liebe Bürgerinnen und Bürger, was führ eine Fahrt! Dieser Unfall hat uns daran erinnert, wie zerbrechlich das ist, was wir ‚Abendruhe‘ nennen.“

Mein Nachbar Krause würde sich von dieser Weisheit erst nicht beruhigen lassen. Tränen würden ihm in die Augen steigen, wenn er den Schaden an seinem geliebten Auto sähe. „Sie Schwein“, würde er rufen und mich übel beschimpfen, sofort würde aber seine Frau versuchen, ihn zu beruhigen. „Alfred“ würde sie sagen, „beruhige dich“.

Das wäre mein Einsatz, ich ginge zu den beiden hin, nähme sie in den Arm und erklärte:

„Wir haben lange nicht so sehr gespürt, wie wichtig uns Menschen sind, wie sehr wir auf andere angewiesen sind: auf ihre Anwesenheit, ihre Zuneigung, auf das Gespräch mit ihnen. Das ist gut zu wissen.“

Frau Maier, deren Gartentor und Rosen ich bei meinem gescheiterten Manöver mitgenommen hätte, und die kreideweiß vor mir stünde, würde ich sanft einen Besen in die Hand legen und erklären:

„Unser Land ist ein starkes Land, weil so viele Menschen für andere da sind und in der Krise über sich hinauswachsen.“

Herr Krause wäre schon weniger wütend. Das gute Zureden seiner Frau und natürlich meine Worte hätten sehr geholfen, den Blick auf das Wesentliche zu lenken. Er würde sich den Schaden an seinem Auto genauer anschauen und sich dann aber doch fragen, wie er nun zur Arbeit kommen solle.

Auch hier wüsste ich eine Antwort:

„Uns allen haben die Einschränkungen, die wir uns auferlegen mussten, zugesetzt. Dennoch: Vergessen wir bitte neben den vielen dunklen die hellen Seiten dieses Vorfalls nicht. Gerade in diesen Tagen erleben wir doch: Der Unfall treibt uns nicht auseinander. Im Gegenteil, er lässt uns zusammenrücken. Unser Land ist ein starkes Land, weil so viele Menschen für andere da sind und in der Krise über sich hinauswachsen.“

Jetzt würde Herr Krause stolz nicken.

Wenn dann die Polizei käme, fände sie eine Szene von Freundschaft und Solidarität vor. Herr und Frau Krause hielten sich gegenseitig im Arm, Frau Maier hätte schon mit neuem Mut, und von meinem Applaus begleitet, begonnen die Trümmer beiseite zu fegen.

Mein Auto würde abgeschleppt, man beruhigt mich, das sei natürlich kostenfrei, denn: „Unser Staat greift denen unter die Arme, die wirtschaftlich in Not geraten.“ Schon am nächsten Morgen hätte man mir ein neues Auto hingestellt, damit ich schnell wieder auf die Beine komme.

Im Radio höre ich, dass man, um aus der Krise zu kommen, die Leistungsträger unterstützen müsse, unnötige Bürokratie solle unbedingt abgebaut werden.

Richtig so! Das mit dem TÜV war schon immer quatsch.

Alfred Statler

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ZWEIHUNDERTFÜNFZIG JAHRE HÖLDERLIN 0 (0)

“Hölderlin für mich größter Dichter deutscher Sprache. An seine Hymnen reicht keiner heran.” (Patrick Roth)

(c) Ewart Reder

Zwar keine Hymne, dafür vielleicht das bekannteste, jedenfalls ein schönes und zur Jahreszeit passend:

HÄLFTE DES LEBENS

Mit gelben Birnen hänget
Und voll mit wilden Rosen
Das Land in den See,
Ihr holden Schwäne,
Und trunken von Küssen
Tunkt ihr das Haupt
Ins heilignüchterne Wasser.

Weh mir, wo nehm ich, wenn
Es Winter ist, die Blumen, und wo
Den Sonnenschein,
Und Schatten der Erde ?
Die Mauern stehn
Sprachlos und kalt, im Winde
Klirren die Fahnen.

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Mein Name und andere 5 (1)

© Ewart Reder

 

Über den Ostparksee geht der Blick weiter

in den Ostpark als ich je kam in diesem Park

der die Weite des Ostens hat. Fahrradampeln

aus Saigon würden hier bella figura machen

neben alten Damen die Nachtbeleuchtung machen

mit beigen Plastikmasken um klare Birnen.* Um

den See gehen Männernamen. Sie kommen aus

Frauenmündern gehen in Frauenohren und -unter-

leiber bereit zu verzeihen und das Gute zu sehen

für den Rest eines Frauenlebens.

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* Hommage an Hölderlin

* 1770

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